Zukunftvisionen um 1930

Die zweite Hälfte der 1920er Jahre stellte eine Phase weitreichender Veränderungen dar, die vor allem auf dem europäischen Kontinent dafür sorgten, daß sich auch der Blick auf die Zukunft veränderte. Die moderne Zukunftsvision wurde geboren! Waren Visionen über die Welt von Morgen bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, wie an anderer Stelle bereits dargestellt, vor allem Phantasien unterschiedlichen Ausmaßes, die sich auf kommende Annehmlichkeiten des Alltags bezogen oder einer interessierten Leserschaft die kommenden Abenteuer bei der Entdeckung unbekannter Welten ausmalte, änderte die Zäsur des Großen Krieges einiges. Vor allem hatte er, als denkbar größte Katastrophe, das Thema Zukunft zu einer nationalen Frage des Überlebens gemacht. Und damit im Zusammenhang der Mobilisierung aller Kräfte zu einer inflationären Verbreitung verkürzend-einnehmer Bilder geführt, deren einzige Aufgabe darin bestand, Zukunft als gemeinsames Projekt darzustellen. Vor allem ab 1915/16 führt dies dazu, daß Künstler wie z.B. Bruno Taut eine Position beziehen mussten, die entweder dieser Leitlinie folgte oder einen vertretbaren Kompromiß darstellte. Ein Ausweichen wurde dabei jedoch immer  schwieriger. Gleichzeitig stellte sich natürlich auch aufseiten der Konsumenten solcher Bilder eine Gewöhnung ein. Denn während die entstehende Kluft zwischen derartigen Appellen und der Realität, die durch Not und sehr kurzfristiges, wenig heroisches oder gar optimistisches Handeln geprägt war, größer wurde, verwandelt sich „die Zukunft“ zu einer Hypothek. Einer, die schließlich nach dem verlorenen Krieg zu einem wirtschaftlichen und politischen Chaos führte, das nur zwischenzeitlich und nur für ein paar Jahre scheinbar beherrscht werden konnte. Entsprechend blieb zunächst offen, wie ob und wie vor allem längerfristige Entwicklungen im Bild festgehalten würden. An wen würden sie sich richten? Welche Geschichten würden sie erzählen?

Diese Bild-Tradition des politischen Plakats erlebte im Zusammenhang mit den scharfen ideologischen Auseinandersetzungen noch einmal einen Schub. Die Straßenbilder der meisten größeren Städte waren geprägt durch Parolen, die sich fast alles auf die eine oder andere Art und Weise auf die abstrakte Zukunft bezogen. Mehrheitlich versuchten sie jedoch den Gegner zu denunzieren. Vereinzelte Positiv-Darstellungen der eigenen Position hingegen verblieben meist auf einer abstrakten Ebene, die – wie im Krieg – eine grundsätzliche Positionierung abforderte. Verhältnismäßig selten hingegen schien eine konkrete Dimension auf, die vorstellbar machte, wie der Alltag der Zukunft aussehen würde.

Doch im Zusammenhang mit der allmählichen wirtschaftlichen Stabilisierung tauchten vor allem in Zeitschriften, aber auch auf Produkten des alltäglichen Gebrauchs immer häufiger Bilder auf, die ausschnitthaft die Zukunft zeigten. In starkem Kontrast zu ihren Vorläufern stellten diese jedoch weder phantastisch-märchenhafte Darstellungen einer Geschichte dar. Zudem verzichteten auf einen unterhaltsam Gestus, der die kurze Phase von der Jahrhundertwende bis zum Krieg geprägt hatte. Vielmehr versuchten sie, durch deutlich zu machen, daß zahlreiche technologische Innovationen kurz davor waren, den Alltag tiefgehend zu verändern und konzentrierten sich entsprechend auf eine klare Bildsprache. Erst die Erläuterungen, die den Darstellungen oft zur Seite gestellt wurden, verwiesen darauf, daß die Zukunft sich grundlegend von der Gegenwart unterscheiden würde, in der man der eigenen Leserschaft jedoch schon kleine, großzügig interpretierte, Beweise des Kommenden unterhaltsam präsentieren könne.

Dabei schlossen Produzenten derartiger Bilder an Trends an, die selbst so überraschende Erfolgsgeschichten waren. Und so tauchten auf den Bildern Fernsehgeräte, Fernsprecher und neue Formate der Massenunterhaltung auf. Wurden meist Stadtszenen dargestellt, die den teils schwindelerregenden Veränderungen zumindest ein mentales Ziel und Ergebnis zu verschaffen mochten. Auch das neue Automobil, das vor allem die Großstädte zutiefst prägte, stand häufig im Mittelpunkt des Interesses. Beeindruckt von der Durchschlagskraft neuer Ideen auf fast jedem Gebiet, faszinierte die Frage nach  dem Kommenden. Der Darstellbarkeit in einem Bild war es dabei geschuldet, daß es dabei um physische Dinge ging. Denn obwohl die Innovationen des Chemiesektors oder der Physik erstaunliche Fortschritte darstellten, flossen diese nur ein, als angenommenes Allgemeinwissen, das die Glaubwürdigkeit gewisser Darstellungen  stützen würde. Besonders die Themen der Raum- und Luftfahrt stützten sich dann darauf, daß ein Publikum, das von den Fortschritten der letzten zwei Jahrzehnte berauscht sein mußte, die vermeintlich nächsten logischen Schritte in Form von raketen-betriebenen Luftschiffen und Raumstationen zumindest für möglich halten würde.

Fazit: Erstmals zirkulierten in den 1920er Jahren im Alltag und damit ohne die Intention literarischer Lektüre der Bücher von Jules Verne und anderer Phantasten, konsequent Anregungen zum konkreten und sehr alltagsbezogenen Nachdenken über die Zukunft. Der damit einhergehende, vornehmlich technizistische Optimismus, sollte Europa noch bis in die 1970er Jahre in der einen oder anderen Form erhalten und nur durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen werden. Über die Veränderungen, die Zukunftsvisionen durch das 20. Jahrhundert hindurch machten, wird in einem späteren Beitrag zu sprechen sein.

Ich danke Prof. Küveler für die Bereitstellung einiger Scans aus seinem Privatarchiv.