Zeitgeschichtliches Forum Leipzig – „Once upon a time…“

Modell eines Neubau-Blocks der DDR, gefertigt aus Pappe

Ein Besuch im Zeitgeschichtlichen Forum gilt seit der Eröffnung 1999 als Pflichtbesuch für Stadtführungen und gehört auf jede Kulturkarte Leipzigs. Entsprechend muss die Dauerausstellung, die sich mit der ehemaligen DDR-Geschichte auseinandersetzt, den Spagat schaffen zwischen umfassender Darstellung für (ost-)deutsche Besucher und Tagesausflüglern und globalen Städtereisegruppen. Doch kann das gelingen? Da sich das Haus seit ca. 10 Jahren in einer Phase der schrittweisen Überarbeitung befindet und nun zum großen Sprung ansetzt, lassen sich die allgemeinen Herausforderungen einer Dauerausstellung beispielhaft erläutern und vorführen. Auch Veränderungen lassen sich so über die Jahre festhalten.

Zunächst einige allgemeine Informationen. Die Ausstellungsfläche beträgt ca. 2000 m² und unterteilt sich in 32 Abteilungen, die dem historischen Verlauf des Inhalts folgen. Dem klassischen musealen und post-Wiedervereinigungsanspruch im neuen Deutschland folgend, finden sich in der Präsentation zahlreiche Exponate, Faksimiles von wichtigen Zeitzeugnissen sowie bildliche Darstellungen von wichtigen Akteuren. Angereichert ist das Ganze mit gelegentlichen Medienstationen. Nicht unwesentlich zur Attraktivität eines Besuchs trägt die Tatsache bei, dass kein Eintritt zu entrichten ist. Das Zeitgeschichtliche Forum ist Teil der Bundes-Stiftung „Haus der Geschichte“ und folgt damit unmittelbar entsprechenden Leitlinien.

1. „The good…“

Wie bei vielen Geschichtsmuseen ist das Thema des ZFL klar umrissen. Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung spannt sich der zeitliche Bogen und für den Besucher jederzeit klar, wo er sich gerade (inhaltlich) befindet. Wer vom 17. Juni 1953 noch nichts gehört hat, wird hier grundsätzlich informiert. Auch wesentliche Akteure vornehmlich aus dem Bereich der Politik finden sich natürlich wieder. Auch thematisch ist von der Staatssicherheit bis zum Widerstand jeder wichtige Aspekt enthalten. Das eigentliche Highlight stellen jedoch erwartungsgemäß die Exponate dar, denn in der Ausstellung findet sich das eine oder andere Highlight. Vor allem die Gitarre Wolf Biermanns, die nicht ganz zufällig im Zentrum des Abschnitt zur Opposition der 80er Jahre steht, wird vielen älteren Besuchern in Erinnerung bleiben. Plastische Exponate wie der Entwurf zur Figurengruppe der Gedenkstätte Buchenwald sind interessant und geben dem Besucher die (leider sehr seltene) Möglichkeit eigener Interpretation – und bilden jeweils ein Zentrum ihres jeweiligen Themas.

 

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Entwurf der Figurengruppe für die Gedenkstätte Buchenwald

Bei Besuchern, die selbst Teil der erzählten Geschichte sind, genauso wie bei “Unbefleckten” kann schon deshalb von einem gesteigerten Interesse ausgegangen werden, da der Wiedererkennungswert bei diesem Thema hoch ist – und viele Inhalte und Bilder teilweise nostalgisch besetzt sind (”Ostalgie”). Der Entstehung in der Folge zur Wiedervereinigung zuzurechnen ist die recht nüchterne Darstellung.

Insgesamt ist die Ausstellung in einem für ihr Alter erstaunlich guten Zustand. Nur eine geringe Anzahl von baulichen Schäden ist erkennbar und auch die in älteren Museen so omnipräsente flackernde Glühbirne fehlt hier. Auch fällt keine größere Verschmutzung auf was auch der Ausstellungsarchitektur zu verdanken ist. Grau sind die Wände, grau ist der Boden, grau sind zum Teil die Grafikelemente. Durch die Anlage als Rundgang findet sich auch kein „vergessener“ Bereich wie in so vielen anderen Häusern. Gern verschwiegen und auf den Zufall geschoben, stolpert man als Besucher leider viel zu oft über Sackgassen, verschlossene Türen, leere Vitrinen und Vergleichbares. Hier nicht. Auch sonst fallen keine (Vandalismus-)Schäden auf. Umso überraschender da das Haus nicht gerade überlaufen ist mit Personal. Vielmehr sind ein paar Aufsichten unterwegs und schlürfen gewohnt von einem zu anderem Ort.

2. „the Bad…“

Für einen auch nur etwas ausstellungserfahrenen Besucher kann der erste Bereich – wir betreten durch einen Tunnel das sprichwörtliche Land der Vergangenheit, namentlich die DDR – nur als gruselig bezeichnet werden. Ein grauer Boden, graue Wände mit Gaze verhangen und mit Schlaglichtern des Lebenslaufs der DDR versehen sowie eine frontale Beamer-Projektion (Walter Ulbricht etc.) sind keine Garanten für angespannte Vorfreude. Waren es wohl auch nie… Das ist schade, denn konzeptionell ist gegen eine solche Einführung nichts einzuwenden. Gleichwohl wendet sich die Zitatwahl eigentlich an grundsätzlich zur DDR-Geschichte orientierte Besucher. Die so abstrakt und zum Teil nicht nachvollziehbaren Versatzstücke der DDR-Geschichte hängen, man möchte meinen recht frei assoziativ, an der Wand. Dies wird leider nicht durch den Eindruck des ersten Ensemble wettgemacht, das die unmittelbare Nachkriegszeit abreisst. Gerade jüngeren Besuchern wird hier gleich zu Beginn viel abverlangt. Sehr viel.

 

Blick in den Ausstellungsbereich zu den 50er Jahren
die 50er Jahre

So werden die Flüchlingsbewegungen der unmittelbaren Nachkriegszeit erläutert, auf die „große Politik“ verwiesen sowie die Verbrechen der NS-Diktatur abgehandelt. Da unterstellt werden kann, dass viele Besucher (Schüler, Gruppen, Tagesausflügel) tatsächlich in die Ausstellung kommen, um sich zum Thema zu informieren, muss hier zunächst einmal ganz tief Luft geholt werden. Der rege Durchlauf, der sich Richtung Sowjetbesatzungszeit einfach vorbeibewegt, zeigt, dass so ein Schlaglicht schlicht zugleich nicht interessant und zu komplex sein kann. Dies ist gerade für historische Museen ein Problem, dem sie nur auf einige Zeit, aber nie entgültig entkommen können. Besucher wissen was sie wollen, selbst wenn es ihnen nicht bewusst ist. Entsprechend schwer hat es eine derartige Exposition zur DDR-Geschichte. Sie ist eben nicht DDR-Geschichte. Wird ein solcher Erwartungsbruch nicht offen, das heisst oft gestalterisch, angegangen, gibt es kein Comeback. So ist das Thema DDR gleich zu Beginn als ein politisches und eins der Eckdaten eingeführt. Nichts deutet das Ende der NS-Gesellschaft an, es ist das Weltgeschehen und die großen Männer, die es regeln.

Außerordentlich schwach fallen dann die Verweise auf diese wesentlichen Protagonisten aus. Während Stalin noch in Form eines Büstenensembles präsentiert und auch Pieck prominent dargestellt wird, gehen Walter Ulbricht und vor allem Erich Honecker unter. Fast schon wünscht man sich, Ulbrichts Kritik an der „Yeah-Yeah-Yeah-Musik“ möge einem durchs Mark fahren und in das historische Bewusstsein fahren oder Honecker als historisch Gestrandeter nach 1985 noch einmal vor Augen geführt werden. Solche Kritik zielt hoch – doch es überrascht doch die Zurückhaltung mit der die oben genannten zitiert werden.

Nichts ist zu spüren vom elitären Gerangel, vom Ideologiestreit. Entsprechend trocken kommen zum Beispiel die Schilderung des 50er-Jahre-Aufbruchs und die Diskussion des „dritten Weges“ der 80er daher. Die DDR – eine Gedankenblase mit zunehmend verschwimmenden Konturen.

 

3. „…and the Ugly“

Als Konsequenz all dieser Kritikpunkte entwickelt die Ausstellung keine eigene Sprache. Durch die gesamte Präsentation ist es den Exponaten oder den (assoziierten) Inhalten zu verdanken, dass Interesse erzeugt wird. Dabei finden sich vereinzelt Versuche spielerischer Anregung. Doch ob vor knapp 15 Jahren tatsächlich Nervernkitzel aufkam beim Heben hölzerner Klapptexte mag dahingestellt sein. Heute sind sie es jedenfalls nicht mehr. Auch, dass der Themenkomplex „Widerstand“ auf diese Art stets wiederkehrend die Protagonisten nennt, die wenigsten Besucher dürften dies als durchgehendes Medium begreifen.

 

Veraltete Rollkartei zum Thema Spionage
Rollkartei zu Geheimdienstakten

Allgemein deprimierend ist die Feststellung, dass man sich als Besucher eigentlich die gesamte Zeit in einer Art unnatürlichem Raum bewegt. Grau sind die Wände, grau ist der Boden – grau sind die meisten Oberflächen. Dagegen ist natürlich prinzipiell kaum etwas einzuwenden. Doch zusammen mit der Grundstruktur der an Wände gepinnten Exponate verfliegt jede Chance auf ästhetische Spannung. Das wird vor allem bewusst, wenn man die erfrischenden Ensembles zu den 70er Jahren sieht. Als farbenfrohe Ausnahmen stechen sie klar hervor. Farbenfroh wird der Alltag versammelt, “Platte” trifft auf „Intershop“.

 

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das typische Wohnzimmer der 80er Jahre

Wo sind die Menschen?

Eine der wenigen Stellen, die auf Vermittlungsebene interessant sind, stellt das kleine Kino dar, welches zeittypische Filme zeigt. Hier dürfen tatsächlich ein paar Sätze authentisch auf den Besucher wirken, bewegt sich die Zeit noch einmal „unkommentiert“ vor den eigenen Augen. Denn sonst ist die DDR überraschend stumm, was entweder langweilig oder klischhaft wirken muss („Schweigende (Zivil-)Gesellschaft etc.). Nur sehr dosiert und über (stabile aber nicht hässliche) Hörmuscheln kann man sich Medienbeiträge und dergleichen zu Gemüte führen. Dies kann als Reflex verstanden werden, dieser Art von Propaganda keinerlei Bühne mehr bieten zu wollen. Wir sprechend schließlich von den frühen 90er Jahren in denen die vorliegende Ausstellung entstanden ist. Das ist sehr schade und eine weitere Aussparung eines sehr interessanten Aspekts. Leicht ließe sich vermitteln, dass Musik nicht nur Anpassung in Form des FDJ-Appels hieß, sondern auch Nonkonformismus in den (politischen) Liedern Biermanns. Spannend wären zudem prominente Statements, die offensiv verschiedene Positionen darstellen. Viele der für sich recht trockenen Daten und stummen Dokumente wären dann spannende Schlüssel für Besucher. Das funktioniert lediglich zum Ende, wenn auf einem kleinen Bildschirm die 40-Jahr-Feier der DDR-Oberen sich abwechselt mit Bildern des bürgerlichen Protestes auf den Straßen. Eine blutarmer Kompromiss in seinen letzten Stunden. 20 Sekunden – konkurrenzlos dagegen die Klapptexte!

Ende?

Nach den verschiedenen bereits aufgeführten Kritikpunkten möchte ich über den eigentlichen Grund der konzeptionellen Überalterung etwas sagen. Es ist der Hang zur DDR als grundlegend musealisiertem Thema und damit der Verklärung zu einem außerhalb-dieser-Welt-Ort. Wie aus dem oben Gesagten deutlich geworden sein sollte, vermittelt die Ausstellung eine wenig kreative, aber doch sehr geschlossene Darstellung der DDR-Geschichte. Dies ist etwas, das als klassisches Manko von Dauerausstellungen gelten kann und sich kaum vermeiden lässt. Schade ist jedoch, dass auch inhaltlich der Eindruck entsteht, dass ein Blick über den Tellerrand kaum lohnenswert erscheint. Dies mag der vergleichsweise zeitnahen Konzeption nach der Wiedervereinigung geschuldet sein, ist aber heute nicht mehr zeitgemäß. Entsprechend wird zum Beispiel kaum deutlich in welcher ideologischen Abhängigkeit von der Person Stalins die DDR sich befand, welche Bedeutung internationale Verträge der 70er Jahre besaßen – oder welchen nachhaltigen Eindruck die Geschehnisse in der BRD, Tschechien oder Ungarn auf die DDR-Gesellschaft machten. Doch fehlen sie in ihrer Substanz nicht und es ließe sich gut und gern das Argument stark machen, dass für jede einzelne Facette andere Häuser bessere Voraussetzungen besäßen. Es bleibt aber das Gefühl, dass hier etwas in eine bestehende Erzählung eingefasst wurde.

Etwas verwunderlich ist daher auch, dass die Ausstellung ihren Ausklang mit einer Tafel zur europäischen Einigung findet und nicht 1990 oder der Wahl Angela Merkels. Hier wird unnötig ein Kontext geschaffen, der irgendwo zwischen (N)Ostalgie und Unterschätzung in der DDR vor allem eines sieht – einen durchaus präsentationswürdigen Ausstellungsinhalt, der leistet wird, was von ihm als Pflichtübung erwartet wird. Ganz ernst genommen wird er jedoch nicht. Viel zu sehr fällt die Politiklastigkeit der Darstellung auf, viel zu sehr erscheint das erste Drittel der Ausstellung (50 Jahre) als (im wörtlichen Sinn) dunkle Zeit. Das mag vor allem für Besucher, die über kein Vorwissen verfügen, in der Wahrnehmung vergleichsweise unproblematisch sein. Für den Rest bietet die Ausstellung aber leider aufgrund des vollständigen Verzichts auf die geringste Form der Exposition in Form von noch so kleinen Thesen und/oder gestalterische Unterscheidungen und hervorstechende Erzählungen leider kaum ein Erlebnis.

Auch mag es fraglich sein, dass die „Jahrhundertflut“ zum Schluss Bilder von Soldaten bietet als Beispiel der neuen, pazifistischen gesamtdeutschen Identität. Passender wäre es wohl, zu zeigen wo deutsche Soldaten gegenwärtig stationiert sind und dass ihre Präsenz damals wie heute eben zwei Interpretationen zulässt. Es bleibt zu hoffen, dass die geplante Neugestaltung in den nächsten Jahren solche Spiegel-Perspektiven vor Augen führt. Dass die DDR-Gesellschaft sich als Wechselspiel erzählen lässt. Als Suche nach dem Kompromiss zwischen Opposition und Anpassung. Als Spannungsverhältnis zwischen ideologischer Selbstüberhöhung und politischer Realität. Dann mögen auch die Zeitzeugen wie Friedrich Schorlemmer prominent zu Sprache kommen und nicht nur als Bildband oder Leihgabe im Depot der politischen Langsamkeit ausgestellt werden.

 

 

Buch zu Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer - a poor man´s presentation