Was sind … Wechselausstellungen?

Sonderausstellungen unterscheiden sich in zahlreichen Punkten grundlegend von den auf Dauer angelegten Präsentationen. Um das deutlich zu machen, will ich an dieser Stelle einen Überblick über die Abgrenzungen geben. Diese sind nur grobe Annäherungen, um auf die grundlegenden Unterschied zu Dauerausstellungen hinzuweisen. Die Beispiele, die sie  hier finden, sind für genauere Ausführungen gedacht.

1. Inhalt und Gestaltung

Für die Vorbereitung einer noch nicht näher definierten neuen Sonderausstellung gibt es kein allgemein angewandtes System der Themenfindung und Planung. Während Initiativen zum Beispiel in einem kleinen Heimatmuseum meist dem persönlichen Engagement von Mitarbeitern zu verdanken sind, verfügen große Häuser über grob geregelte interne Zuständigkeiten und Zeitplanungen. Überall existieren freilich Unterschiede der internen Verhältnisse, zum Geldgeber des Hauses, aber auch zur regional-kommunalen “Anspruchstellern”. Die Idee kann “gewünscht” sein, vorgegeben, ein Feigenblatt – die Möglichkeiten sind zahlreich. Zwar existiert auch der langfristige Prozess der unabhängigen Ideenentwicklung mit Beteiligung zahlreicher Mitarbeiter oder gar externem Input – der Regelfall ist das jedoch nicht. Allgemein lässt sich feststellen, dass sich Museen mit zunehmendem Umfang von der Machart der eigenen Dauerausstellung „lossagen“ können. Inhaltliche Schwerpunkte können konkreter gemacht werden (die Fotografien der Familie Müller als besonderer Ausschnitt des Bestandes) oder abstrahiert neue Bezüge aufgezeigt werden (die Stadt X als Beispiel der Industrialisierung/Elektrifizierung). Kleinere Häuser sind aufgrund der zur Verfügung stehenden Kapazitäten oft sehr begrenzt in ihren Möglichkeiten und kommen  schneller in die Situation auch mal  bescheidene Ausstellungen zu zeigen, die ihnen angeboten wurden. Die personelle Dichte bedingt oft auch Gewohnheiten, so dass die Leidenschaft Neues auszuprobieren immer wieder neu entfacht werden muss. Davor sind große Häuser freilich kaum gefeit, doch verschafft Geld ihnen eine gewisse Ruhe in diesen Dingen.
Das Umfeld und die Struktur eines Museums wirken sich natürlich auch auf die Form der Umsetzung aus. Während Veränderungen der Dauerausstellung mit Zurückhaltung angegangen werden, bietet die kurze Laufzeit die Chance neue Wege zu gehen. Und dies betrifft sämtliche Bereiche von der Farbwahl, über die Formen der Vermittlung (multi oder gar cross-medial) bis hin zur grundlegenden Art und Weise der Kommunikation (Slang, Dialekt, …) mit den Besuchern. Auch auf der technischen Ebene bilden sie Experimentierfelder, lassen sich neue Systeme ausprobieren.

Zeichnung, die ein Ausstellungskonzept visualisiert
Auf dem Weg zum Konzept

2. Laufzeit/Finanzierung/Planungs- und Umsetzungsprozess

Naturgemäß fällt die Laufzeit einer Sonderausstellung mit meist ungefähr einem halben Jahr Laufzeit, geringer aus. In vielen Fällen recht eng eingetaktet in die vergangenen und kommenden Projekte eines Museums, gibt es wenig Spielraum für Veränderungen/Erweiterungen des Vorhabens. Häufiger ist der Fall, dass Budget- und Termindruck Abstriche provozieren. Geschieht dies nicht genauso überlegt und kontrolliert wie die anfängliche Aufnahme in das Konzept der Ausstellung, findet sich der Besucher schnell mit Billiglösungen und/oder Lücken in der Gestaltung konfrontiert. Zugleich werden Museen anhand solcher Ausstellungen mit neuen Zugängen konfrontiert. Stichworte sind hier z.B. Barrierefreiheit und Inklusion.
Zu den weiteren Besonderheiten gehört die zunehmende Strukturierung als Projekt. Es mag Außenstehende verwundern, doch Projektpläne, klar definierte Zuständigkeiten, Terminplanungen und die Integration von Teilprozessen (Rahmenprogramm…) gehören keineswegs zum selbstverständlichen Rüstzeug von Ausstellungsmachern. Das liegt unter Anderem an der Liebe des Publikums gegenüber dieser Figur, die eine klare Identifikation zulässt. Dass das inzwischen so ist, hat mit der Umsetzung oder – um im Fachjargon zu bleiben – der Ausführungsplanung zu tun:
In den letzten 10-15 haben Finanzdruck und bürokratische Prozesse dafür gesorgt, dass Überlegungen über Ausschreibungsfristen, Etats und die Bauplanung einen beträchtlichen Teil der Zeit und Aufmerksamkeit auf sich vereinen. Dies und die Ambition bei den zahlreichen Ansprüchen denen sich Museen inzwischen ausgesetzt sehen möglichst effizient in der Umsetzung zu sein, schmiedet in immer mehr Häusern das moderne Projektmanagement. Dazu gehört der konsequentere Umgang mit nicht verschiebbaren Deadlines.

3. Zusammensetzung der Exponate

Ausstellungen, die sich einem besonderen Thema und/oder Anlass widmen, bieten die Möglichkeit vergleichsweise freizügiger   Exponatauswahl und damit Leihanfragen. Denn da es oft nicht primär um die Präsentation des eigenen Bestandes geht (entsprechende Fälle gibt es natürlich auch!), lassen sich interessante Exponate (z.B. weltweit bekannte Bilder) im Sinne einer Neu-Kontextualisierung vergleichsweise einfach unterbringen. Das soll nicht heißen, dass dies nicht auch in Dauerausstellungen getan wird – der feststehende langlebige Charakter und in den meisten auch das Profil des Museums verhindern jedoch eine langfristige Nutzung bekannter Leihwerke. Ebenso sind steigt mit Wert und Bedeutung eines Exponates natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Besitzer nicht zur Leihe zu bewegen ist. Allgemein können sich zeitlich begrenzte Ausstellungen, die meist auch räumlich deutlich kleiner ausfallen, dies aber zum Vorteil machen: So kann eine Einbettung des eigentlichen Themas, zum Beispiel eine regionale Familiengeschichte, effektiver durch Leihen bewerkstelligt werden, als sie nach der eigenen Sammlung auszurichten und auf viele Aspekte zu verzichten. Viele spannende Präsentationen bringen Exponate zueinander, die in der eigenen Sammlung schwerlich weitere Verwendung finden würden. Desweiteren lässt sich so das eigene Publikum auf die aktuellen Interessen hin abtasten. Das verursacht  natürlich einen Mehraufwand, den man sonst zu vermeiden sucht. Mehraufwand nicht nur in der Form von investierter Arbeitszeit, sondern vor allem finanzieller. Es sei nur angedeutet, dass dieser beträchtlich sein kann, nennt das ausleihende Museum  höhere Bedingungen für seine Exponate. Sie stellen die natürliche Grenze kühner Pläne für einen potenziellen Publikumsmagneten dar. Auch bei der Präsentation können natürlich Dinge gezeigt werden, die sich sonst aufgrund des damit verbundenen Aufwands (Sicherheit, Personal,…) nicht in einer Ausstellung finden würden, deren Ausstellung aber das Budget zu sehr belasten würde (Vitrinen, …).

4. Werbung in der Öffentlichkeit

Durch den wechselnden Charakter bieten Gast- und eigene Kurzinszenierungen auch einen Grund medial an die Öffentlichkeit heranzutreten – etwas, das sonst oft mit einer gewissen Dosis Pragmatismus und Trockenheit getan wird. Will man nicht jeden alltäglichen Programmpunkt kommunizieren, zeigt sich oft, dass in  Museen eben alles andere als viel los ist. Muss es auch nicht. Mit der kleinen Ausnahmesituation einer Sonderausstellung geht es neben dem Generieren von (Erst-)Besuchern auch um das Aufzeigen, dass frischer Wind aufkommt. Damit wird zugleich die eigene Relevanz vor Ort und im Vergleich zu anderen Häusern aufgezeigt. Dabei können potenziell Steigerungen der Attraktivität sowie eine Profilschärfung erzielt werden, die sich mittels der Dauerausstellung kaum bewerkstelligen ließe. Es ist für potenzielle Besucher natürlich eine ganzheitliche Neuigkeit (Neue Ausstellung zum Thema X) viel interessanter ist, als es zum Teil überarbeite Dauerpräsentationen sein könnten. Sonderausstellungen sind konkrete Versuche ein Thema möglichst interessant und in wesentlichen Aspekten darzustellen. Das macht sie auch für die Werbung interessant, da sich in ihnen ganz konkret die sonst im Raum stehenden Fragen des Verhältnisses von Besuchern und Museum stellen und zum Teil beantworten lassen.

5. Fazit

Man sieht, in vielfacher Hinsicht leben Sonderausstellungen von ihren Vorzügen. Die Möglichkeiten sind oft größer, Neues kann ausprobiert, eventuell neue Forschungsstände präsentiert, ja gar unter Umständen das Museum einen neuen Zugang zu seiner Arbeit ermöglichen. Gewissermaßen sind Sonderausstellungen das Signal an den Besucher, dass das Haus auch in der Lage ist, taktisch und aktiv Dinge auszuprobieren. Ein kaum zu unterschätzender Punkt, da strategische und langfristige Entwicklungen  sonst kaum nachvollziehbar werden. Es ist der Ort an dem aktuelle Themen (Flüchtlingskrise, Social Media….) aufgegriffen und diskutiert werden können – und sollten.