„Wannsee-Konferenz“, 1984

Die 80er und 90er Jahre prägen auch heute noch in hohem Maße die NS-Geschichtswahrnehmung der breiten, vor allem älteren, Öffentlichkeit. Eins der wenigen Beispiele für die filmische Nachstellung stellt die gleichnamige Re-enactment-Dokumentation aus dem Jahr 1984 dar. Sie versucht, in einem möglichst verständlichen und akteuersnahen Gestus die Gespräche und Diskussionlinien der Konferenz nachzuzeichnen, nimmt sich dabei jedoch die eine oder andere künstlerische Freiheit, um “die 90 Minuten, die das Schicksal der Juden Europas besiegelten”, zu beschreiben. Da es gerade über die Konferenz selbst nur wenig Vergleichbares gibt, macht es Sinn zu fragen was der Film heutigen Zuschauern präsentiert.

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Adolf Eichmann (Gerd Böckmann), Reichssicherheitshauptamt im Gespräch mit Martin Luther (Hans-Werner Bussinger), Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes

Der Film – das Setting

Positiv fällt in den ersten Minuten auf, dass auch aus der Perspektive des heuten wissenschaftlichen Standes, keine falschen Fakten präsentiert werden. Dies lässt sich auf die gute Dokumentationslage zurückführen, da die Einladung Heydrichs und das  Ergebnisprotokoll herangezogen werden konnten. Die Chronologie ist verständlich, Wandkalender mit sichtbarem Datum inklusive. Bauchschmerzen macht jedoch aus heutiger Sicht der Anschein, man wohne durch das Auge der Kamera einer explizit anti-humanistischen Verschwörung, dem Bösen um seiner Selbst willen, bei. Die Funktionäre, Sekretäre und SS-Angehörigen pflegen einen zynischen Humor, der zwar nicht fehlplatziert ist, dessen Regelmäßigkeit jedoch bald den Eindruck eines Kammerspiels erzeugt. Oft wirken die Gespräche, aber vor allem die Phasen der Auflockerung (Imbiss, Getränke) wie ein ganz normaler Tag im Büro. Dreckige, das heisst in diesem Fall unmenschliche Witze, natürlich eingeschlossen. Die Dialoge sind so abgeschlossen, dass die Darstellung dramaturgisch weder Vergangenheit noch Zukunft kennt. Nur der Hund eines anwesenden Obersturmbannführers sowie eine Koketterie Heydrichts mit der Sekretärin lassen überhaupt vermuten, dass die Personen auch eine private Seite haben, die in verschiedenem Maße durchschlagen könnte. Auch dies ist natürlich tief verwurzelt im Stand der Zeit, die sich vornehmlich im Nachgang zum bald anbrechenden Historikerstreit, erst noch mit der Frage nach den Personen hinter den Ämtern auseinandersetzen würde. Hier sind es noch in erster Linie Amtsträger, die sich miteinander verschwören. Sie rauchen, trinken und scherzen. Das ist grundsätzlich nicht falsch und sicher besser und realistischer als die Vorführung einer trockenen Besprechung. Doch fehlen die persönlichen Noten der Einzelnen, um zu verdeutlichen, dass am Tisch bürokratische und tatsächliche Mörder beieinander saßen, jeder mit seinem Alltag und eigenen Erwartungen.
Inhaltlich folgt die Darstellung naturgemäß dem Protokoll-Verlauf und lässt die beteiligten Personen und ihre Positionen entsprechend zu Wort kommen. Das ist zwar auch heute noch interessant um zu verstehen, dass Partei-Bürokratie, SS, Auswärtiges Amt und andere Parteien jeweils unterschiedliche Interessen vertraten. Leider fehlt jedoch der Kontext und umfangreiches Wissen wird vorausgesetzt. So werden die Nürnberger Gesetze oder der Himmler-Jargon vom “Da müssen wir jetzt durch!” zitiert, trotzdem vedichten sich die nicht erläuterten historischen Entwicklungen augenscheinlich in dieser Sitzung und dies muss natürlich den Eindruck verstärken, hier wären grundsätzliche Endscheidungen gefällt worden. Das soll natürlich die Brisanz der Konferenz nicht herunterspielen. Anders als das Unternehmen selbst, ist jedoch Heydrichs Absicht in größerer Runde offen und ohne euphemistische Wortspielchen das gigantische Projekt “Endlösung” zu besprechen, der eigentliche Grund für die Bedeutung der Konferenz. Erst durch die klare Setzung des Begriffs und die unabänderliche Verstrickung aller maßgeblichen Akteuer, war der Weg frei für eine weitere Eskalation in den besetzten Ostgebieten.

Der Film – die handelnden Personen

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Reinhard Heydrich (Dietrich Mattausch) erläutert den bisherigen Verlauf der 'Ostsiedlung'

Die Sätze, die den Protagonisten in den Mund gelegt werden, sind ebenfalls inhaltlich nicht falsch, doch erscheint ihre Eindeutigkeit für heutige Zuschauer verwirrend. Statements wie “Wir haben die Fragen der Maßnahmen gelöst und deswegen sind wir hier.” mögen noch gehen. Dass jedoch von Seiten der Reichskanzlei darauf hingewiesen wird, Heydrich wäre nicht per Führerbefehl für die Ausführung der “Endlösung” zuständig, scheint überflüssig und unwahrscheinlich, da er in seiner Position als Untergebener Himmlers und Sonderbevollmächtigter Görings eine starke Position innehatte – und zum Zeitpunkt der Konferenz eine über alle Maßen erfolgreiche Karriere hingelegt hatte. Wie bereits angedeutet, kommen die Protagonisten also umfassend zur Sprache, benehmen sich dabei jedoch wie stichelnde Mitglieder eines Aufsichtsrats und weniger wie Funktionäre eines totalitären Regimes.
Dem Stand der frühen 80er Jahre ist geschuldet, dass wesentlich nur bei einer Beziehung, nämlich der des Vertreters der Reichskanzlei (Kritzinger) gegenüber der SS-Organisation im Allgemeinen und dem Handeln Heydrichs im Speziellen ein kritisches Verhältnis aufscheint. Dies kann man als den Versuch der Autoren werten, das Fehlen eines allgemeinen Führerbefehls und die unsicheren Informationen über den Wissensstand Adolf Hitlers in diesen Dingen, zu integrieren. Dessen Handeln und Dirigieren kommt nur zur Sprache wo es nötig ist. Dies jedoch verstärkt ebenfalls den Kammerspielcharakter, diesmal jedoch auf positiv Weise, da der Film so andeutet, dass es durchaus Interpretationsspielräume bei der Auslegung von Führerwünschen gab. Leider geht auch unter, welchen Stellenwert die SS-Struktur im Reich und den Diensten innehatte bzw. wird nur angedeutet, dass Himmler bewusst darauf achtete systematisch Funktionsträger aus Heer und Ministerien zu bestellen. Entsprechend wirken die Beteiligten, als wüssten sie genau wo sie sich innerhalb der Gruppe befänden. In der Realität hingegen, kam es oft genug zu Unstimmigkeiten, die Himmler jedoch langfristig meist zu seinem Vorteil lösen könnte.

Fazit

Die Nachstellung der Wannseekonferenz leistet sich keine großen Fehler und schafft es recht gut darzustellen, mit welchen Intentionen sie Heydrich einberufen hatte und aus welcher Perspektive und Notwendigkeit heraus bestimmte Themen behandelt wurden. Ihre eindeutige Schwäche besteht jedoch im Fehlen jeder Stille und Subtilität. Nichts wird spürbar von der Brisanz des Konkurrenzkampfes, den Befangenheiten und dem Fanatismus. Das mag dem Format eines Fernseh-Film für das spätere Abend-Programm geschuldet sein, der ein gewisse Struktur und Länge hat. Wenn Heydrich zum Schluss im Kalender die “Endlösung” abhakt, wirkt das heute jedoch nur überpointiert und deplatziert. Herauszuschälen, dass das Treffen vor allem aufgrund des Beginns einer klaren und offenen Strukturierung der Zusammenarbeit von Bedeutung war, wäre mit wenigen Zügen möglich gewesen. Auch historisch weniger bewanderte Zuschauer könnten dann über den Film verstehen, dass die Konferenz vor allem das Ziel hatte eine Kanalisierung der Eskalation anzusagen, die dann von SS und den anhänglichen Diensten weiter produktiv kontrolliert werden konnte. Als Mittel konnten Heydrich und sein engerer Kreis dabei auf die bereits vorhandenen Teilbelastungen, Vorgeschichten und Vertrickungen zurückgreifen und unter Anderem durch die Konferenz und ihre Folgebesprechungen festigen.

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Heydrich hakt ab - 'Endlösung'

Nachtrag:

Für eine kurze und prägnante Zusammenfassung des Forschungsstandes siehe auch Peter Longerichs Büchlein „Die Wannseekonferenz“.