Übersee-Museum, Bremen

Als Institution, welche aus kolonialem Geist und damit einem gewissen Gefühl der Überlegenheit vor allem in kultureller Hinsicht gegründet wurde, muss sich das Übersee-Museum mit seinem Erbe aktiv auseinandersetzen. Das scheint eingängig und plausibel. Aber kann das gelingen wenn man dem früheren Credo „die Welt unter einem Dach zu versammeln weiter folgen will? Dies ist eine der Fragen, mit denen man sich im Zuge eines längeren Aufenthaltes und/oder weitergehendem Interesse konfrontiert sieht. Doch Schritt für Schritt: Hieß das Haus zunächst noch „Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde“, wurde es 1935 in „Deutsches Kolonial- und Übersee-Museum“ umbenannt bis 1952 der heutige Name „Übersee-Museum“ angenommen wurde. Schon diese kurze Aufzählung verweist auf die Herausforderungen, die sich durch das Spannungsverhältnis des deutschen Kulturkreises mit der Welt stellen. Vom Weltkrieg bis zur Postmoderne im Gewand der Globalisierung könnten entsprechend Erklärungen geliefert werden. Wie begegnet das Übersee-Museum dieser Herausforderung?

Wie ein Besuch der Dauerausstellung zeigt, gibt es viel Licht, aber leider auch viel Schatten.

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Asien/Ozeanien-Karte

Sebastian Wehrstedt

 Die ersten Schritte

Zunächst betritt der Besucher, unbewußt am Schreibisch des Gründers Hugo Hermann Schauinsland vorbeischlendernd den Bereich Ozeanien, der sich über 18 thematische Inseln den verschiedenen Themen vom Ahnenkult bis zum regionalen Artenreichtum widmet. Der Weitläufigkeit des suggerierten Ozeans folgend, muss der Besucher erst einmal seinen Rhythmus der Erkundung finden. Bis aber klar wird, dass sich auf der rechten Seite naturkundliche, auf der linken kulturell-ethnologische Aspekte befinden, vermögen einige Minuten vergehen . Und auch daß dieser 2003 eröffnete Teil unter den Spuren der Zeit zu leiden beginnt, man sieht es hier und da. Das kann aber kaum die Neugier dämpfen, denn (Tier-)Welt und menschliche Kultur wechseln so einander stetig ab und man beginnt die Ausstellung zu erkunden. Und spätestens der Blick in den folgenden thematischen Bereich „Asien“ bedeutet einen ästhetisch-inhaltlichen Bruch, der die Spannung nochmal erhöht. Tatsächlich ist dies eine der wenigen Situationen in denen die hochsteigende „Museums-Langeweile“ für eine Überraschung sorgt.

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der Eingangsbereich der Ausstellung

Sebastian Wehrstedt

Es eröffnet sich nun vor allem die kulturelle Vielfalt des Kontinents Asien, der zwar noch mit einem klassischen Pagogenbau samt Fischteich bereichert wurde, aber keine große Artenvielfalt präsentiert. Und das aus gutem Grund. Das Modell einer modernen asiatischen Großstadt, Plakate des indischen Massenkinos („Bollywood“) und zahlreiche andere, teils bekannte, teils neue Artefakte lassen sich hier entdecken. Und obwohl man Konfuzianismus und arabische Einflüsse zitiert bekommt, wird schnell klar: der asiatische Kontinent wird hier vor allem in seinenj größten Widersprüchen von Urbanität und Ländlichkeit im Fokus moderner Entwicklung präsentiert. Eine begrüßenswerte Endscheidung, die verhindert, daß wir als Besucher unseren Modus finden.

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links das alte, rechts das neue (Ost-)Asien

Sebastian Wehrstedt

Den Abschluss dieser Ausstellungseinheit bilden mehrere große Dioramen, die erneut in sehr gutem Zustand und mit teils witzigen Details Beispiele der Tierwelt präsentieren.

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Highlight Nummer 1 - Diorama mit Silberblick

Sebastian Wehrstedt

Abteilung Afrika

Der interessanteste und empfehlenswerteste Ausstellungsteil Afrika in der ersten Etage könnte umfassender und bunter nicht gestaltet sein. Von der Evolution des Menschen geht es über Erläuterungen der Tier- und Pflanzenwelt zur Gegenwart, werden Themen der Bodenausbeute und soziale Misstände in Einzel-Porträts vermittelt. Die Dioramen bilden erneut, aber wenig prägnant den Rahmen, glänzen durch ihre wunderbare Pflege und Gestaltung. Zudem punktet der jüngste Ausstellungsteil mit dem Versuch, abstrakte Sachverhalte am Beispiel festzumachen, einzelne Geschichten über mediale Lösungen zu erzählen, die konkreten Folgen und Zusammenhänge  dahinter Zahlen zu erläutern und erneut einen hohen Grad an Abwechslung zu bieten. Klassische Inszenierungen finden sich hier, Touchscreens bieten Vertiefungsmöglichkeiten – aber auch zahlreiche interaktive Demonstrationen und gut repräsentativ gewählte 3-D-Exponate halten die Aufmerksamkeit erstaunlich lange auf hohem Niveau.

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eine der medialen Geschichten-Stationen
Nairobi
Präsentation der Geographie von Nairobi

Sebastian Wehrstedt

Die zweite Etage

Anschließend wird man als Besucher mit dem Versuch einer Synthese konfrontiert, die auf die eingangs erwähnte Frage nach dem Ort und der Aufgabe des Hauses eingehen soll. Das mag inhaltlich im Einzelnen zu diskutieren sein, in seiner konkreten Umsetzung ist es  aber leider sehr traurig anzusehen bzw. hoffnungslos überaltert. Aktuelle Themen, die alltäglich mit sprachlichen Blasen a la „Globalisierung“, „Beschleunigung“ und Ähnlichem umschrieben werden, geben die Gliederung vor, die sich Kindern und Jugendlichen aber erst anhand der  – zugegebenermaßen meist gut gemachten Beispiele  – erschließt. Die Kategorien Klimawandel, Kommunikation, Sex und Gender, Zeit, Menschenrechte, Heimat, Migration und Weltwirtschaft sind auf eine Weise gewählt, der man es zutraut auch in 10 Jahren noch relevant zu sein. Die Vermittlungen konzentrieren sich jeweils auf 2 wesentliche, meist miteinander im Widerspruch stehende Aspekte. Also Recht und Unrecht, soziales und biologisches Geschlecht sowie glückende und missglückende Kommunikation. Meist schaffen sie es dabei vor allem auf die Vielfalt und Unterschiede zu verweisen – ein Gefühl der Exotik kommt nicht auf. Soviel zur „Persönlichkeit“ dieses letzten Ausstellungsteils.

Doch nun folgt das große „Aber“. Wie bereits angedeutet, sieht man der Ausstellung ihr Alter an vielen Stellen leider stark an, die Präsentation macht wenig Lust sich weiter  auf die Inhalte einzulassen.  Medienstationen funktionieren nicht oder enttäuschen herb . Der Stand von 2003 könnte eigentlich auszuhalten sein,  gerade da es ja um längere Trends und Phänome geht. Die Lösungen sind allerdings konzeptionell mehr als überholt. Die Installation zur Migration etwa gönnt sich die Freiheit von 5 (!) Globen zur Darstellung maßgeblicher Menschenbewegung. Die danebenliegende Treibhaus-Globus-Installation ist eigentlich der Eye-Catcher, funktioniert nur vereinzelt. Insgesamt wird deutlich, dass hier versucht wurde  nicht nur alle wesentlichen Strömungen aufzunehmen, sondern diese auch noch halbwegs nuanciert dazurstellen. Das ist löblich und funktioniert etwa, wenn ein Restaurant-Menu nicht normal, sondern in CO2-Werten ausgepreist präsentiert wird. An anderen Stellen wie „sex + gender“ stellt sich jedoch die Frage warum tote Schaufensterpuppen das Thema der Transsexualität anreißen sollen.

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Weltkarte der Sprachen, ein Beispiel für die leider sehr veraltete Präsentation

Sebastian Wehrstedt

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leider absolut keine Seltenheit – eine unbenutzbare Medienstation

Sebastian Wehrstedt

Medienstation zum Thema 'Migration'
diese Medienstation beschäftigt sich übrigens mit Migration

Sebastian Wehrstedt

Fazit

Das klingt vernichtend. Doch läßt sich für das Übersee-Museum eine Empfehlung aussprechen. Denn obwohl die inhaltlichen und räumlichen Dimensionen geradezu einladen sich zu verlieren und die Räume mit den zahlreichen Exponaten bald nur noch halb pflichtbewußt abzulaufen, passiert gerasde dies aufgrund der Gestaltung und Abwechslung nicht. 3-D-Objekte wechseln sich mit Screens ab und auch baulich kommt keine Langeweile auf. Ins Stolpern kommt die Ausstellung bei dem Versuch, ihrer historischen Anlage folgend, die moderne Welt der Gegenwart museal zu versammeln. Das tut sie natürlich wie es zum Umbauzeitpunkt möglich und geboten schien – in Auszügen, mit Bekanntem und Unbekanntem – und eben leider auch mit den entsprechenden interaktiven und gestalterischen Mitteln. Das gelingt nur im Fall Afrika wunderbar teilnehmend, konkret  und sinnesanregend, eben weil nicht ständig von Abstraktem die Rede ist und für den Besucher schon Auswahl getroffen wurde. Hier sind es keine toten Medienstationen mit zuvielen Zahlenkolonnen, sondern pointierte Präsentationen. Zu hoffen ist, dass die positive Entwicklung sich fortsetzen wird und die Last, die auf den übergreifenden Bereichen (Globalisierung etc…) liegt, mindert. Im nächsten Schritt wäre deren Konkretisierung anhand markanter Abstufungen, wie es im Rest der Ausstellung gelingt, in Betracht zu ziehen. Das Übersee-Museum kann nicht „die Globalisierung“ zeigen, sondern sollte das Phänomen so beschreiben, dass es sich in die eigene und die erzählte Geschichte  einfügt. Denn leider geht dies unter. Eine große Station zu den Gründungstagen des Hauses gibt es nicht. Genauso wie andere historisierende Bereiche. Zu erklären was die (national-kolonial geprägte) Welt vor 100 Jahren für ein Verständnis von den großen Themen hatte und dies zu heute zu kontrastieren, verspricht  im Fall eines solchen Museums viele spannende Geschichten….

Eines muss der Besucher jedoch in jedem Fall mitbringen – ein paar Stunden Zeit. Umso mehr, wenn der letzte Ausstellungsteil „Amerika“ eröffnet wurde. Und, wie gezeigt, leider auch Nachsicht gegenüber einer Ausstellung, die – abgesehen vom Bereich Afrika – ihre besten Tage lange hinter sich hat. Vor allem Kinder werden dies aber im Angesicht so vieler verschiedener Angebote, kaum bemerken.

Anmerkungen: Die Besuche erfolgten 2015 und 2016.  Ein Update folgt in nach der Eröffnung des überarbeiteten Ausstellungsteils „Amerika“.

Frontalaufnahme eines Eisbären
Highlight Nummer 2 - ein Eisbär

Sebastian Wehrstedt