“Terra Nova”, (1924)

Das traurige Ende “Age  of Discovery”

Um die Jahreswende 1911/12 wurde die Welt von einer Frage in Atem gehalten: Wer würde das anstehende Rennen auf den Südpol für sich entscheiden? Die Kontrahenten, der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert C. Scott machten sich auf, mit dem Südpol einen der letzten unentdeckten Flecken der Erde zu erreichen – und ihn damit für alle Zeit mit ihren Namen und Nationen zu verbinden. Amundsen konnte das Rennen schließlich für sich entscheiden und am 14. Dezember 1911 als erster Mensch den Südpol erreichen. Knapp einen Monat darauf erreichte Scott mit seinem Team am 17. Januar 1912 die einsam wehende norwegische Flagge. Auf diesen Tiefschlag folgte die Katastrophe bei der auf dem Rückweg Scott selbst und seine Begleiter starben. Eine unglückliche Wetterlage und der kräftezehrende Marsch zurück, verlangten der Gruppe alles ab – und führte sie bis zu 11 Meilen an das nächste Depot heran. Allein ein Sturm machte den Sturm unmöglich. Schon dieser hier nur angedeutete Verlauf der letzten Expedition und die Bewertung einzelner Endscheidungen Scotts als Expeditionsleiter haben ganze Bücher gefüllt und ganz sicher gehören die Abenteuer um Scott, Shackleton und Andere zum kulturellen Gedächtnis Englands.
An dieser Stelle sollen jedoch die Bilder und Filme, die in den Jahren zuvor entstanden, im Mittelpunkt stehen. So entstanden zwischen 1910 und 1913 auf der Expedition “Terra Nova” vor allem durch die Hand des Fotografen Herbert Ponting hunderte einmalige Aufnahmen und einige Stunden Bewegtbild vom Südpol. Letztere wurden 1924 als Gesamtschau “The Great White Silence” veröffentlicht, einer Zeit in der das tragische Ende der Expedition weitläufig bekannt, jedoch nicht in einem Gesamtwerk präsentiert worden war. Vor allem der Ambition Pontings geschuldet, der Scott damit auch einen Nachruf schaffen wollte, blieb dem Film jedoch der kommerzielle Erfolg versagt.

Amundsen – der Erste am Südpol

Herbert Ponting

In eine wohlhabende Familie in Salisbury geboren, arbeitete Ponting für kurze Zeit als Banker bevor er nach Kalifornien zog und sich der Fotografie zuwandte. Zunächst arbeitete er einige Zeit im Nahen Osten und dokumentierte in der Folge den Japanisch-Russichen Krieg (1904-05). Weitere Arbeiten führten ihn nach Japan, Java und China. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch den Verkauf seiner Fotografien an Magazine. 1910 gab er ein heute noch begehrtes Buch über Japan heraus, bevor er in der Folge für die Expedition in die Antarktis anheuerte.
Als Mitglied der “Terra Nova”-Expedition half er beim Aufbau des Winterlagers und war für das Festhalten des Vorhabens selbst sowie der wissenschaftlichen Untersuchungen zuständig. Um die Jahreswende 1911/12 entstand ein Großteil der Bilder, die hier versammelt sind und die einen großen Anteil an der Begründung des Mythos um Scott haben sollten. Zu diesem Zeitpunkt selbst schon ein Mann mittleren Alters, blieb es Ponting versagt bei der letzten Etappe, dem Spurt auf den Pol, teilzunehmen. Nach 14 Monaten kehrte er so, zusammen mit dem Rest der Mannschaft, zurück, getroffen vom Verlust der Begleiter und der so knappen Niederlage. In der Folge unternahm er große Anstrengungen seine Bilder wissenschaftlich, aber auch kommerziell auszuwerten. Letzteres gelang nur sehr bedingt, so dass Ponting bis zu seinem Tod in bescheidenen Verhältnissen lebte.

Film

Im Jahr 1924 brachte Ponting, 2 Jahre nach der literarischen Aufarbeitung,  die filmische Gesamtdarstellung der Expedition unter dem Titel “The Great White Silence” heraus. Um eine akkurate Darstellung des Verlaufs bemüht, der Rückschläge und Erfolge zeigt, folgt der Film den Geschehnissen von der Abreise bis zur Rückkehr und besitzt dabei eine Länge von knapp 2 Stunden.

Dem britischen Nationalarchiv ist es zu verdanken, dass heutige Zuschauer nicht nur eine vollständig restaurierte Fassung sehen können. Vielmehr wurden die Tönungen aufgearbeitet, die den Szenen einen teils surrealen Touch geben. Zudem trägt und verstärkt der speziell für die Restauration produzierte , bewusst gering melodisch gehaltene Soundtrack, die einzelnen Stimmungen, so dass der Film trotz gemächlichem Tempos schnell in seinen Bann zieht.

Wir erleben den Aufbruch in die Kälte, das Staunen der ersten Tage über die riesigen Eisberge. Den Stolz der ersten Tage vor Ort und die Vorbereitungen auf den dunklen Winter, die Verabschiedung des Schiffes auf ein gutes Jahr und erfahren durch gelegentliche Einblendungen mehr über den Kontext. Und als das Frühjahr anbricht, sehen wir Ponting durch die Eiswüste stapfen, die mehrere Kilogramm schwere Kamera stets dabei. Und auch die täglichen Routinen werden gezeigt. Von der Schlittenvorbereitung bis zum Zeltbau zeigen ruhige Einstellungen die immer wiederkehrenden Anstrengungen auf der Reise zum Ende der Welt. Doch nicht nur die Landschaft selbst, auch die Bewohner dieses kargen Erdteils faszinieren Ponting und die Männer. Pinguine, Robben und Wale werden beobachtet und gejagt. Vor allem Erstere haben es der Mannschaft angetan, die ihre freien Stunden gern dazu nutzt, diese auf dem Eis hin- und herzujagen.

Die Stimmung

Den filmischen Höhepunkt stellen zweifellos die konkreten Vorbereitung und die Reise selbst dar. Sehen wir zu Beginn wie mit schwerem Gerät das Basislager gebaut wird, dauert es nicht lang und wir hängen als Zuschauer mit unserem Blick 4 in der Eiswüste verschwindende Männer hinterher, die einen Schlitten ins Unbekannte ziehen. Und sind dann sind wir einen Moment allein mit Herbert Ponting und schauen ihnen hinterher. Einzig die sphärische Musik taucht gelegentlich auf und ruft in Erinnerung, dass das Ziel noch lange nicht erreicht ist. Sie ist es auch, die gegen Ende des Filmes eine Brücke baut als Ponting die letzten Einträge aus dem Tagebuch Scotts zitiert und seinen Worten einen weiteren Nachhall verschafft.

We took risks, we knew we took them; things have come out against us, and therefore we have no cause for complaint, but bow to the will of Providence, determined still to do our best to the last … Had we lived, I should have had a tale to tell of the hardihood, endurance, and courage of my companions which would have stirred the heart of every Englishman. These rough notes and our dead bodies must tell the tale, but surely, surely, a great rich country like ours will see that those who are dependent on us are properly provided for.

Im Knabengesang endet dann das Abenteuer, das so verheißungsvoll begann.

Bilder

Auch von den Bildern, die jede, aus Pontings Sicht interessante Facette zeigen, geht heute noch eine Faszination aus, die die Geschehnisse  näherbringt und zugleich entrückt. Sie zeigen, mehr noch als die bewegten Bilder, etwas von der Stille, der Dunkelheit und dem an den Horizont reichenden Weiß. Die zahlreichen Kameradschaften zwischen Mensch und Tier finden sich ihnen genauso wie die skurrilen Formen der Eiswelt. Sie zeigen die atemberaubenden Szenerien und geben Eindrücke davon, wie eng der Erfolg und das Misslingen derartiger Abenteuer beieinanderlag.

Bildquellen

Sharing is caring: