Stressor „Inklusion“ – ein Begriff und sein Alltag

Was heißt es, wenn Museen „offener“ sein wollen? Was, wenn sie davon sprechen „inklusiv“ sein zu wollen?

Seit einigen Jahren formt sich, eher im Hintergrund, ein Problem für die deutschen Museen. Irgendwie, so scheint es, geht etwas vor, verändern die Besucher ihre Erwartungen. Und wie schon in der Vergangenheit gibt es Vorzeigeprojekte, die ein „Die schaffen das doch auch!“ zwischen Kollegen provozieren, aber auch neue Ausstellungen aus denen die Besucher unzufrieden herausgehen und die Gründe nicht in Worte fassen können. Vielleicht sind sie heimlich enttäuscht , dass sie während des Besuchs keine Teilhabe erfahren haben, unabhängig von der Frage einer Behinderung. Vielleicht liegt es daran, dass das Museum gerade eine neue Dauerausstellung plant und sich wenig attraktiv präsentiert. Und vielleicht spielt sogar die Unzufriedenheit eine Rolle, dass sich im Haus offensichtlich seit Jahren nichts tut. Aber worin liegen die Schwierigkeiten, sich gegenüber Forderungen zu stellen, mal etwas Neues auszuprobieren, auch um feststellen zu können, was das eigene Publikum sich wünscht? Wo drückt so vielen Museen der Schuh? Wer oder was scheint so krass das Tempo zu drücken?

Die Betriebsdimension

Nicht unterschätzt werden sollte, wenig abstrakt und ganz greifbar, die betriebliche Dimension, die hinter der Einführung neuer Angebote stehen kann. Gerade der 3-D-Druck, der mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten eigentlich nur auf eine selbstverständliche Alltags-Nutzung wartet, führt dies vor Augen. So kann erst die Erfahrung zeigen, welche Häuser, Formate und Themen sich anbieten, um die Technologie zum Einsatz zu bringen. Und es muss abgewogen werden, ob sich eine Anschaffung lohnt, überhaupt Know-How im Haus ist oder einem in den Folge die Betriebskosten davonlaufen. Dies war zwar auch der Fall als andere Neulinge wie die Pädagogik, ein höherer Bildungsanspruch oder das Internet auf das Museum trafen. Die Vielfalt sowie das Tempo der Neuerungen hat sich jedoch eindeutig erhöht! Man stelle sich einen Museumsmitarbeiter vor, vielleicht Mitte 40, der alle paar Jahre angehalten wird, eine neue Technologie zu beachten bzw. mitzudenken. Dies stößt nicht nur auf Motivations- und Work-Load-Probleme, sondern es muss klar sein, dass die entsprechende Auswahl und Priorisierung kaum bei einer Person allein liegen kann. Es bedarf also eines internen Standings bezüglich neuer Technologien, der Ausgaben, die man bereit ist zu tätigen und der Definition von Schwerpunkten und Lücken.

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Kommunikation? Kommunikation!

„Sag, wie hält´s du´s mit der Kommunikation?“ möchte man schon fast als die Gretchenfrage deutscher Museen bezeichnen. Das mag zunächst in Zeiten von Instagram, Facebook und Community-Managern verwundern. Doch hat die Nutzung dieser Kanäle nicht unbedingt zu einer homogenen Veränderung der breiten Museumslandschaft geführt. Vielmehr hat eine Segmentierung eingesetzt, die klare Schwerpunkte erkennen lässt. So scheint es vor allem Häuser mittlerer Größe und mit klaren Strukturen zu gelingen, in Bewegung zu bleiben. Und das hat meiner Meinung nach vor allem zwei Gründe. Zum Einen spielt die Größe der Belegschaft eine Rolle. Zum Anderen das, was ich als Unmittelbarkeit zum eigentlichen Ausstellungsbetrieb und damit den Besuchern bezeichnen möchte. Und beides bedingt einander!

Und irgendwo zwischen kleinem Heimat-Museum und großer Bundeseinrichtung mag der sweet-spot liegen. Denn während die kleinen Häuser oft schon durch die Alltagsroutinen und den Erhalt des Status Quo eingeschränkt sind (aber einen bedeutenden zahlenmäßigen Anteil ausmachen!), ist es bei sehr großen Museen leider nichts bemerkenswertes, wenn Kuratoren und andere Museumsmitarbeiter selten bis gar keinen Kontakt zu den Besuchern haben. Hier bildet sich dann auch innerhalb der Belegschaft eine Segmentierung heraus, die durch ein abstraktes Thema wie Teilhabe kaum aufgebrochen werden kann. Missverständnisse scheinen vorprogrammiert. Doch was kann man tun? Natürlich liegt der Gedanke einer Aufteilung in kleinere Einheiten nahe, was allein aus betrieblichen Gründen schon getan wird. Doch wie die Kreativität entfesseln bzw. neue Normalitäten herstellen?

Workshops als Lösung?

Ein wunder Punkt stellt die Frage nach der Weiterbildung des Museums- Personals dar. Und leider ist der Hinweis, dass sich mit Workshops, offener Kommunikation und der Beseitigung von Organisationshürden das Problem doch sicher lösen ließe, immer noch obligatorisch in jeder Diskussion zu hören. Doch diesen „Wundermittelchen“ steht einiges entgegen: Zum Einen haben nur wenige Häuser Lust und Zeit, sich mit Problemen auseinanderzusetzen bzw. sehen dazu oft berechtigterweise oder nicht keine (akuten) Anlässe. Zum Anderen gehören diese internen Vorgängen eindeutig zu jenen, die zwar abstrakt von Kultur-Blogs und Tweets gestreift werden, aber zu vielgestaltig und – ja auch das – langweilig sind, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nur selten kommen Statements von direkt Betroffenen. Das spiegelt sich zudem in den besagten Workshops wider, in denen fast ausschließlich die Lösungen in Mitarbeiterform versammelt sind. Hier werden Sehnsüchte über neue Kreativprozesse und verlorene (Projekt-)Träume ausgetauscht. Hier wird sich Mut gemacht. Und Sensibilität für die eigene Arbeit geschaffen. Gleichwohl muss sich dann das Gelernte und Reflektierte im Alltag und dem Kollegen im eigenen Team erst noch durchsetzen. Hier werden also Botschafter herangezogen, die zunächst einmal anregen können, aber auf der anderen Seite noch Untersützung benötigen. Für viele Häuser ist das Annehmen solchen Inputs eine größere Hürde als man meinen sollte!

Leitbild Museum

Einen Gradmesser dafür, ob es ein neuer Anspruch in die Kulturhäuser geschafft hat, stellen deren Leitbilder dar. Diese reflektieren über die Langsamkeit ihrer Weiterentwicklung, welche Fragen und Herausforderungen konsequent an das Haus herangetragen wurden. Wie das Deutsche Historische Museum haben die meisten Häuser bezüglich der „Inklusion“ noch keine Sprach-Regelung gefunden und sprechen schlicht davon, dass sie „offen für Veränderungen“ seien und die eigene Arbeit reflektierten. Auch typisch ist der Verweis des Deutschen Museums auf „Augenhöhe“ und „Gleichberechtigung„, jedoch vor allem in Bezug auf die eigene Mitarbeiterkultur. Und unter „integrativ und inklusiv“ versteht auch das Freilichtmuseum am Kiekeberg vor allem „Behindertengerechtigkeit„.

All diese Inhalte sind an sich natürlich positiv. Doch braucht es nicht viel Vorstellungsvermögen, um zu erahnen, dass sich auf zahlreichen Museum-Websites hinter solch breiter Wortwahl immer noch eher Absichten, Wünsche oder gar Entschuldigungen stehen. Man bedenke zudem, dass die Wendung „der Besucher steht im Mittelpunkt“ natürlich stets dabei ist. Halbe Strecke, möchte man meinen. Und doch so schwer zu füllen, wenn der Wille da ist. Traurige Wahrheit ist vielmehr, dass Leitbilder kaum für den Alltag vieler Museen relevant sind. Eher regieren hier Gewohnheit, Tradition und eingespielte (Kommunikations-)Strategien. Nicht die besten Voraussetzungen für Veränderung.

Fazit: Inklusion auf dem Weg ins Museum?

Hat nun, nach all den pessimistischen Tönen, das „inklusive Museum“ eine Chance? Ohne Frage wird sich die Museumslandschaft und mit ihr auch die Qualität der Ausstellungen, weiter differenzieren. Dazu gehört auch, dass es einigen Häusern  gelingen wird, interessante neue Angebote zu entwickeln. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden unter diesen  vor allem jene nachhaltig Erfolge verzeichnen können, die es schaffen, einen internen Veränderungsprozess nicht nur werbe-freundlich zu simulieren, sondern tatsächlich aktiv anzugehen und sich stetig weiterzuentwickeln. Doch der Weg dahin ist steinig, lang und mit zahlreichen Hürden gespickt. Damit diese bei all den (lobenswerten!) Diskussionen im Web nicht aus dem Blick geraten, wollte ich an dieser Stelle auf einige von diesen hinweisen. Viele Museen erfüllen heute noch nicht die eigenen Ansprüche. Viele Museen haben eher Sorge um die eigene Zukunft.

Deutlich zu machen, dass eine höhere Sensibilität für die Bedürfnisse der Besucherschaft Teil einer Lösung sein muss, macht einen großen Teil der Herausforderung aus. Zu dieser gehört, dass es Museen geben wird, die an dieser scheitern werden.

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