Auf einen Kaffee in Prag – und ab ins Stadtmuseum?

Wenn man einen kürzeren Aufenthalt in Prag hat, wie es mir kürzlich ging, macht es Sinn sich die Zeit mit einem Museumsbesuch zu vertreiben. Das Stadtmuseum zur Geschichte und Kultur Prags bietet sich an. Doch was erwartet einen solchen Spontan- bzw. Kurzbesucher? Was lernt man durch die Ausstellung über die Stadt?

Für günstige 150 Kronen (< 6 €) kann man als Erwachsener die gesamte Dauerausstellung sowie die derzeit laufenden Sonderausstellungen sehen. Zu meinem Besuch war dies eine Werkschau über das Werk Vladimir Boudniks. Auch eine 3-D Inszenierung des Stadt-Modells von Antonin Langweil kann man sehen. Doch dazu später mehr.

Los geht´s!

Da das Museum in einem Neo-Renaissance-Bau untergebracht ist, bemerkt man schnell, dass die Architektur selbst ein Highlight ist. Anders als so mancher Neubau, macht allein dies schon auf die Geschichte Prags Lust. Die Räume sind groß, an den Decken finden sich zum Teil großformatige Geschichten. Ein Ort, der wunderbar für (dezente) Inszenierung mit Licht und Formen geeignet ist. Eine Erwartung, die nur zum Teil erfüllt wird.

Gildenhelm mit dünnem Seh-Schlitz

- Klassisch museal -

Blick in eine Vitrine zum Mittelalter, im Zentrum zwei Kleidungsensembles

Die ersten Eindrücke in der ersten Etage des Museums sind klassisch, etwas dunkel, aber übersichtlich. Zeugen der Zeit, in einem Raum versammelt.

Was gibt es zu sehen?

Erwartbare Exponate in einer schlichten Präsentation. In der Ausstellung gibt es leider nur kleine Besonderheiten, die jedoch kaum entsprechend präsentiert werden. Die meisten Vitrinen sind gefüllt mit Bekanntem und zeigen entsprechend, wenig überraschend, Münzen, Kleidung, epochentypische Kunstwerke und Waffen. Pflichtprogramm.

Das ist natürlich an sich nicht als Makel zu sehen. Was jedoch auffällt, ist, dass kaum eine Gewichtung erfolgt und schwer zu verstehen ist, welche Exponate etwas Besonderes, gerade in Hinsicht auf die Geschichte Prags, sind. Alle Ausstellungsstücke liegen im gleichen Licht, den gleichen Vitrinen und werden aus der gleichen Perspektive erschlossen. Nur einige Ausnahmen bilden große Stücke wie ein Tisch, eine Bank oder größere Gemälde. Jedoch ohne, dass dadurch weitere Spannung entstünde. Eine freistehende Bank etwa trägt etwas schnörkellos nur das Schild „Do not sit“.

Münzen in einer Vitrine, schräge Aufnahme
Schmuckvolle Uhr aus dem 18. Jahrhundert
großes Schloss in einer Vitrine, von oben beleuchtet

Vermittlung

Leider sticht auch der reichlich hemdsärmlige Umgang mit Fragen der Vermittlung hervor. Die meisten der Texte in der Ausstellung sind zwar zweisprachig verfügbar (tschechisch/englisch), es verwundert jedoch ein wenig, dass gerade die Abteilungsüberschriften nur einsprachig verfasst sind. Entsprechend beginnt man als Besucher bald, einfach spontan einen Weg durch die Ausstellung zu suchen. Erfahrungsgemäß nehmen dies Besucher zwar meist nicht als größeres Problem wahr. Da es jedoch in der Ausstellung keine „Stopper“, also absolute Highlights gibt, gerät das entspannte Spazieren schnell zum Durchlauf.

- Texte -

Texttafel im Stadt-Museum Prag

Zu lesen gibt es viel in der Ausstellung. Leider streckenweise zu viel. Und dann unter tschechischer Überschrift. Stets muss man schauen, wo die englischen Texte sind.

- Modelle -

Positiv stechen in der Ausstellung erstaunlicherweise die Modelle hervor, welche vor allem in der ersten Abteilung, die sich durch die Frühgeschichte bis in das Frühe Mittelalter zieht, zu sehen sind. Oft wird man bei einem Museumsbesuch mit veralteten und/oder kaum aussagekräftigen Installationen konfrontiert, die kaum weitergehende Informationen liefern, unabhängig davon ob sie mit Texten erläutert werden. Im Stadtmuseum Prag hingegen, sind sie nicht nur schön anzusehen, sondern bieten durch eine Mehrstufigkeit, etwa eine (offene) Hütte mit Vorplatz und Siedlungsmauer, einen Kontext, der gerade bei der bereits erläuterten Textlast der restlichen Ausstellung, zugänglich und simpel wirkt. Eine seltene Situation, denn gerade in stark gestalteten Ausstellung fällt der Nutzen von Modellen oft ab und läuft sogar Gefahr zum bloßen optischen Unterhaltungselement zu werden. Etwas, das ich zuletzt im Staatlichen Archäologie-Museum Chemnitz erlebte, in dem sich Dutzende Modelle nebeneinander präsentierten und sich so gegenseitig in ihrer Attraktivität stark relativierten.

Auch jenseits der Modelle wirkt die zeitlich früheste Abteilung am attraktivsten, tragen Lichtstimmung, Inszenierung und die Bildung von Ensembles mit entdeckbaren Kleinigkeiten dazu bei, dass man am Ball bleibt.

Modell zu einer Frühsiedlung mit seitlichem Aufriss einer Hütte

Überraschende Highlights in der Ausstellung: Tatsächlich interessante und gut darstellende Modelle – nette Hingucker und zudem ein perfekter Textersatz. 

Auch eines der Herzstücke des Hauses und seiner Außenwerbung ist ein Modell. In den Jahren 1826-1837 durch die Hand des Prager Bibliothekars Antonin Langweil entstanden, zeigt ein aus ca. 2000 Einzelmodellen bestehendes Miniatur-Prag und besticht durch die riesigen Ausmaße von knapp 20m² sowie den Detailreichtum. Hier kann man definitiv einige Zeit verbringen und staunen. Leider lässt sich das Modell vor Ort nur durch eine steuerbare Kamera erschließen, die man ruckelig über das Modell fährt. Besser ist es, weitere Eindrücke in einer 3-D-Filmvorführung zu erschließen, welche das Ergebnis eines entsprechenden Projektes vor etwa 10 Jahren ist. Sie zeigt zwar auch Spuren der Zeit, ist aber mit Alltagstönen unterlegt und beinhaltet einen Gang durch die engen Gassen des alten Prags ebenso wie einen Flug über die Burg. Ein nettes Erlebnis in einem kleinen Projektionsraum.

Blick auf das Langweil-Model im Stadtmuseum Prag

Galerie mit weiteren Eindrücken

Ein Seitenblick: Das Online-Angebot

Die Online-Präsentation der Bestände folgt leider dem angedeuteten Muster. So sind viele Exponate auf der Website zu recherchieren, gerade ein Stöbern fällt aber aufgrund einer englischen Menü-Struktur mit tschechischen Erläuterungen alles andere als entspannt aus. Welcher Zweck zudem mit nicht unterscheidbaren Gegenstands-Bezeichnungen verfolgt wurde, ist nicht einzusehen. Man sieht also auch hier, dass für die Zukunft großes Potenzial besteht – dass aber noch in eine interessante und nutzbare Form gebracht werden muss.

Exponate-Übersicht in der Online-Ausstellung des Museums Prag

Fazit - eine Empfehlung für das Stadtmuseum?

Mit hohen Erwartungen sollte man nicht in das Stadtmuseums kommen, denn es erscheint unwahrscheinlich, dass man interessante, das heißt einzigartige Stücke, zu sehen bekommt. Die Gestaltung ist nur in der ersten Abteilung interessant und gerät schnell zu einer sehr aufgeräumten und gleichmäßig präsentierten Darstellung. Die Texte machen kaum Lust auf mehr und es entstehen kaum Bilder im Kopf bzw. bleibt etwas hängen. Der Dreißigjährige Krieg oder die Hussitenkriege, sie alle werden im gleichen blaßen Licht gezeigt. Schade.

Was viele Besucher jedoch in Erinnerung behalten werden, ist das Modell der Stadt. Es mag manchem schon einen Besuch wert sein. Und es ist ohne Zweifel ein Highlight und etwas ganz Besonderes.

Mein Besuch erfolgte am 11.09.2017.