Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz

Im Mai 2014 eröffnete in Chemnitz das Staatliche Museum für Archäologie, das  „SMAC“, mit einer neuen Ausstellung. Über 6000 Exponate waren durch sächsische Archäologen zusammen mit dem Atelier Brückner ausgewählt worden, um die Menschheitsgeschichte in der Region Sachsen von der Altsteinzeit bis zur Industrialisierung darzustellen. Definitiv keine leichte Aufgabe. Und auf jeden Fall eine große Chance.

Angetreten, um „Magie und Logik“ zu verbinden und sich dabei modernster Technik zu bedienen, bietet die neue Gesamtschau die seltene Möglichkeit, die Herausforderungen und Möglichkeiten eines 3600m² großen, unbeschriebenen Raumes in den ersten Jahren nach der Eröffnung zu  betrachten. Und entsprechend die Frage zu stellen: “Ist die neue Ausstellung gut?” Was erwartet vor allem Erstbesucher? Hat man hier neue Formate ausprobiert oder muss man sich auf trockene Quellensammlungen und Experteninterviews zu Faustkeilen einstellen? Soviel sei verraten: Vorfreude ist bei einem geplanten Besuch durchaus angbracht!

Los geht´s!

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Beispielvitrine für die Bodenpräsentationen

Sebastian Wehrstedt

Ausgestattet mit einem Plan des Hauses, den man im Erdgeschoss erhält, beginnt im ersten Stock der Ausstellungsbesuch. Und der berühmte erste Eindruck, der den Besucher auch nicht mehr verlassen wird, ist der eines hellen, wohl geordneten Raumes. Nach kurzer Orientierung – die Ausstellung erschließt sich entgegen dem Uhrzeigersinn – bewegt man sich von einem thematischen Schlaglicht zum nächsten. Vom Klima, über die Entwicklung des Menschen und seiner Verbindung mit der wunderbar dezent präsentieren Flora und Fauna. Erfreulich ist, dass schon nach wenigen Momenten die verbindende gestalterische Klammer erkannt ist und man die Rhytmik der Ausstellung erkennt. Exponate, Grafiken und mediale Präsentationen wechseln im gelungenen Takt ab und ergänzen einander. Kaum zwei gleichartige Präsentationen finden sich nebeneinander.

Das führt soweit, dass es aufgrund dieser gelungenen Mischung sogar zum seltenen Ereignis kommt, dass man als Besucher lernt, der Ausstellung zu vertrauen. Medienstationen funktionieren und sind vollends auf ihre Funktion hin konfiguriert. Ensembles von interessanten Gegenständen warten nicht mit versteckten Textebenen auf, sondern sollen durch ihre Präsentation Neugier wecken – und öffnen sich doch durch Audioguide und Medienstationen für Interessierte noch ein wenig mehr. Durch die Offenheit der Räume und die gleichzeit sehr überlegte und dezente Präsentation, macht es bald Spass, ein Mal dem Interesse zu folgen und im nächsten Moment wieder der sehr organisch angelegten Ordnung zu folgen. Nie führt diese Neugier dabei zu weit abseits, sondern regt im Gegenteil dazu an, möglichst jeden Bereich sehen zu wollen. Eine grandiose Leistung, die meist eher Sonderausstellungen vorbehalten bleibt. Wie schön, wenn man mal eine Ausnahme bestaunen darf. Das mag auch Kindern entgegenkommen. Denn obwohl die Ausstellung eher ein breites Zielpublikum – „Gelegenheits-Genießer“ archäologischer Themen und regional Interessierte – im Blick hat, können auch sie fasziniert vor einem Präparat stehen bleiben – oder mit Fragen um sich werfend durch den Raum sprinten. Eine Ausstellung also, die Neugier und Fragen provoziert.

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Blick auf die verschiedenen Ebenen/Schichten der Ausstellung

Sebastian Wehrstedt

Ebene 2

Auf der zweiten Etage findet sich der Bereich zu den „Kulturen der Sesshaftigkeit“. Das Grundmuster bleibt erhalten, Vitrinen, Präparate und weiterführende Informationen werden ausgewogen präsentiert. Ein wenig betonter kommen hier jedoch mediale Präsentationen zum Einsatz, die zum Teil aktivierbar, zum Teil selbstlaufend, Siedllungsgeschichte darstellen. Auch die Farbtöne der Wände ist weniger geprägt durch das kühle Weiß des Eises als vielmehr das Grün von Wäldern. Hinzukommen im Raum zahlreiche Kulturgüter. Schmuck, Figuren, Waffen und andere Alltagsgegenstände werden in verschiendenen Zusammstellungen präsentiert. Und auch bei ihnen hat man sich für eine attraktive Präsentation endschieden. Die unsortierte Überfülle klassischer, also älterer, Archäologie-Ausstellungen, scheint hier nicht im Geringsten durch.

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Siedlung der Jungsteinzeit

Sebastian Wehrstedt

Beispiel für die wunderbaren, sehr gezielt platzierten Herbarien
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Blick in die Ausstellungsfläche

Sebastian Wehrstedt

Ebene 3  

Die dritte Ebene spannt einen inhaltlichen Bogen von Ostsiedlung bis in die Zeit der Industrialisierung. Der Ausstellung geht hierbei vor allem darum, die Pluralität der Entwicklung aufzeigen. Zahlreiche weiße Modelle prägen den Eindruck. Hier findet sich auch das (persönliche) Highlight der Ausstellung: Die etwas schnöde als “Alltagswand” titulierte Präsentation aberhunderter Gegenstände. Ohne große Erklärung sind hier, offensichtlich vor allem im Hinblick auf den grandiosen Anblick, Gruppen von Exponaten versammelt worden. Ob Töpfe, Gürtelschnallen oder anderer Schmuck. Hier fährt die Sammlung des Hauses in einer Art Schaukastenformat zur Hochform auf und es wird spätestens an diesem Punkt des Besuchs klar, dass die Dauerausstellung genug für mehrere Besuche zu bieten hat. 

 

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Blick auf die Alltagswand

Sebastian Wehrstedt

 

 

Schattenseiten

Enttäuschend sind nur einige wenige Details in der Ausstellung. Zu ihnen zählt die Inszenierung der 1407 enthaupteten Zwickauer Ratsherren (Ebene 3). Es ist das einzige Thema, das versucht über eine Art Mock-up-Situation seinen Inhalt zu vermitteln und nicht so konsequent präsentiert wird, wie Alles andere. Zettel liegen auf der (graphischen) Tischoberfläche, eine 3d-Animation lässt sich aktivieren. Die Zeit mag besagte (tatsächlich an die Platte geklebte!) Papiere verschwinden lassen. Aber das mit unzähligen Knöpfen ausgestattete, in seiner Funktion nicht einzuordnende Gerät ist schon konzeptionell fehl an diesem Platz. Einem Platz, der sonst klar dem restlichen Konzept folgt. So ist ein interessantes Exponat vor Ort in Form eines Schädels. Grafiken, Quellen und Fotos bieten eine Mischung, die sich an den Gestus der restlichen Ausstellung anlehnt. Warum also eine solche Anleihe an “klassische” Archäologie-Präsentationen? Es wirkt, als hätten kurzfristige Entscheidungen hier keinen guten Einfluss ausgeübt. Dies fällt aber, ebenso wie die etwas fade Darstellung der „Klosterbibliothek“ mit Beamer-Projektionen an den Wänden, vor allem auf, weil der Rest der Ausstellung sehr viele Qualitätskriterien erfüllt.

 

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Präsentation zu den Zwickauer Ratsherren

Sebastian Wehrstedt

 

Fazit: Wenn Sie in Chemnitz und/oder Umgebung sind, statten Sie der neuen Ausstellung einen Besuch ab!

 

Mein Besuch erfolgte am 29.12.2016.