Zukunft im Weltall (um 1970)

Wir werden im Weltall leben! In Raumstationen, die unserem Leben auf der Erde in keiner Beziehung nachstehen! Werden Energie im Überfluss haben, um einen Neuanfang zu schaffen, der uns von der Erde weg und über uns selbst hinaus führen wird! Und auch, wenn es heute noch unmöglich scheint, werden wir es schaffen. Und wir beginnen damit, es uns vorzustellen…

So in etwa ließe sich die Weltall-Begeisterung der Jahre nach 1950 zuspitzen. Hatten zunächst Sorgen über die Nutzung der Raketentechnologie im Mittelpunkt gestanden, änderte sich durch gezielte Propaganda der US-Regierung allmählich die Perspektive. Die Raketen wurden zum Hoffnungsträger. Vor allem Disney und Wernher von Braun erzeugten in den 1950er Jahren mit filmisch präsentierten Visionen, die vor allem auf die technische Machbarkeit abhoben, eine neue Begeisterung, der man sich vorfreudig ergeben konnte. Bis zu seinem Ausscheiden von Brauns aufgrund einer Krebserkrankung blieb diese eng mit seinem Namen verbunden und konzentrierte sich auf das Problem des Transports. Gleichwohl bilden die Vorträge und Fernsehbeiträge der Zeit den Hintergrund für die Überlegungen der 1970er Jahre. Und sind dabei in einer minutiösen Schilderung zahlreicher Details einer Raumstation, die das Vorhaben bewusst mit einer stark realistischen Note versehen und plausibel machen soll, höchst unterhaltsam. Fast jeder Aspekt ist technologischer Art und wird optimistisch als Problemlösung präsentiert. (Hier lohnt auch ein Blick auf andere Werke der Zeit.)

Wernher von Braun über einen „Trip around the Moon“, 1955

Die NASA und die Zukunft

Im Anschluss an die erfüllten Träume, die erfolgreichen Mondmissionen, aber vor dem Hintergrund ökologischer Bedenken über die Zukunft des Planeten, begann die NASA in den 1970er Jahren mit der Entwicklung von Konzepten, die sich auf das zukünftige Leben im Weltall konzentrierten. Wie würde der Mensch leben? Wie würden die Städte der Zukunft aussehen?

In drei Sommer-Seminaren (1975-1977) entwickelten Wissenschaftler an den Universitäten Standford und des Ames Forschungszentrums Antworten auf diese Frage, die jedoch noch ganz klassisch zunächst schriftlichen Niederschlag fanden. Dem Illustrator Rick Guidice kam es dann zu, diese Visionen in Bilder umzusetzen, die nicht nur die technische Seite zeigten, sondern vor allem eine Vorstellung ermöglichen sollten vom Alltag jenseits des blauen Planeten. Da vergleichbar bahnbrechende Erfolge wie die der jüngeren Vergangenheit nicht absehbar waren und doch schon im Kino („2001 Odyssee im Weltall„, „Silent Running„) als Möglichkeiten durchgespielt wurden, war es für die NASA an der Zeit zu reagieren und scheinbar wissenschaftlich machbare Visionen zu präsentieren.

Bestimmend waren dabei vor allem drei Konzepte.

  • O’Neill Double´s „Cylinder“ (1975)
  • Bernal Sphere (1976), Erstentwurf von 1929
  • Stanford Torus Wheel (1976)

Konzeptionell repräsentierten sie den Stand der Zeit, waren zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft mit rundlaufenden Bahnen versehen und beinhalteten verschiedene Funktionsräume. Das Besondere an ihnen war, jedoch, wie stark sie die Gleichartigkeit mit dem Leben auf der Erde in den Mittelpunkt stellten. Denn obwohl die Motivationen einer Weltraum-Besiedlung von der Ausbeutung von Asteroiden über die langfristige Rettung der Menschheit im Angesicht ihrer ökologischen Selbstauslöschung bis hin zu ideologischen Motiven gegenüber dem kommunistischen Block reichten, waren die Kolonien Guidices vor allem eine Spielart der amerikanischen Vorstadt. Bewusst hoben die Illustrationen auf grüne, helle und vor allem offene Räume ab, in denen eine Menschheit leben würde, die nicht nur Alles haben würde dessen sie bedürfte, sondern dabei auch keine Kompromisse eingehen müsste. Aus dieser Perspektive sind sie interessante Zeugnisse der Hoffnung und Vorfreude und glänzende Beispiele für bildhafte Zukunftserwartung.

Natürlich wurde keiner der Entwürfe umgesetzt und im Zuge der Stagflation der späten 70er Jahre konzentrierte sich die NASA auf den Erhalt und die Weiterentwicklung des 1972 gegründeten Space-Shuttle-Programms. Einige Jahre traten entsprechende Überlegungen zu einer Besiedlung des Weltraums zurück und kündigten erst Mitte der 1980er Jahre ihre erneute Rückkehr zaghaft an.

In der Folge kamen vergleichbare visuelle Entwürfe nur noch einzeln auf und wurden nicht für eine Unterfütterung der Bemühungen der NASA und anderer Träger benutzt. Vielmehr ergab sich eine überraschende Entwicklung und seit den frühen 1990er Jahren sind Schüler ab der 6. Klasse aufgerufen, Visionen für ein Leben im Weltall einzureichen. Und diese sind zutiefst geprägt durch die Bilder von Rick Guidice, zeigen geschützte Räume im Weltall und zum Teil überspitzte Darstellungen eines frohen Alltags im Weltraum und auf anderen Planeten. Die NASA selbst benutzt Bilder zwar weiter für Zukunftsentwürfe, nutzt sie jedoch vornehmlich zur Darstellung einzelner Technologien. Erste Anzeichen, dass sich dies wieder ändert, lassen sich im Zusammenhang mit dem laufenden Mega-Projekt der Mars-Erschließung erkennen. In einer Mischung aus gedanklicher Vorwegnahme der anstehenden Herausforderung und (visueller) Träumens tauchen vereinzelt bereits wieder Entwürfe auf, die erneut versuchen die Zukunft bereits in der Gegenwart zu verankern. Wie die Bilder Guidices vertreten sie den Anspruch, dass die Zukunft beherrschbar und planbar ist und unter Anderem Antworten auf die sich andeutende ökologische Katastrohe bietet. Es bleibt abzuwarten, wann auch diese Bilder zu unterhaltsamen Erinnerungen ihrer Generation werden und als träumerische Entwürfe im Internet kursieren und das Schicksal so vieler Visionen teilen.