Ausstellung: Revolution! Revolution? Hamburg 1918-1919

Revolutionen gehören zum Einmaleins des (historischen) Ausstellungsmachens kleiner wie großer Museen. Ob nun einem regionalen Jubiläum geschuldet oder größere gesellschaftliche Umbrüche in den Blick nehmend, bieten sie eine verlässliche wie auch erwartbare Größe bei der Themenwahl von Sonderausstellungen. Auf der anderen Seite sind sie keine wirklichen Wunschkandidaten, sondern müssen in Angriff genommen werden. Zum Einen, um die Erwartungen der Besucher zu befriedigen, zum Anderen um erneut den eigenen Standpunkt in der oft sehr dichten Museumswelt zu definieren und Originalität zur demonstrieren. Sie stellen eine besondere Herausforderung dar, bringen bei der Umsetzung ihre eigenen Vor- und Nachteile mit sich. Welche dies sind, möchte ich in diesem Beitrag anhand der Sonderausstellung „Revolution!?“ des Historischen Museums Hamburg einmal beleuchten. An ihr lassen sich die Herausforderungen und Chancen gleichermaßen ansprechen, die sich durch ein Zäsur-Thema ergeben. Zugleich können aber auch wiederkehrende Fragen, die bei jeder Ausstellung eine Rolle spielen, beleuchtet werden. Also jene, die sich um die Bedeutung des Inhaltes, seine Einbettung ein eine angemessene Gestaltung, aber auch die erzählte Geschichte drehen. Am Ende steht dann die Frage, welche Hoffnungen, die vor einem Besuch stets gehegt werden, erfüllt werden. Und welche Aspekte beim abschließenden Urteil eher negativ ins Gewicht fallen. Der Besuch erfolgte auf Einladung des Historischen Museums Hamburg, das zum Meet-Up in der Ausstellung einlud.

DSC06255_2

Thema und Exponate

Mehr als andere Themen haben historische Zäsuren ihren inhaltlichen Schwerpunkt von Beginn an im Handgepäck und es scheint klar, welche klassische (Verlaufs-)Geschichte erzählt werden soll. Im Fall Ausstellung „Revolution!?“ ist man auch diesen Weg gegangen und die Ereignisse von der Machtübernahme durch einen Rat am 6. November 1918 bis zur Bürgerwahl am 16. März 1919 werden chronologisch geschildert,. Dies wird ergänzt durch thematische Schwerpunkte wie „Versorgung“, „Kommunikation“ und „Gesundheit“. Relevante Akteure werden vorgestellt, Zusammenhänge und Entwicklungen dargestellt. Nur gelegentlich kommen dabei jedoch raumprägende Exponate zum Einsatz. Vielmehr bestimmen Druckmaterialien verschiedenster Couleur das Bild. Vor allem die großformatigen Aufruf-Plakate und Karten beherrschen die Wände, ergänzt durch leider meist recht kleinformatige Fotografien. Diese geben interessante Einblicke in das Geschehen, erzählen teilweise Mini-Episoden des Alltags inmitten der teils chaotischen Tage in Hamburg. Und fühlen sich doch durch ihre kleinformatige Präsentation wie kleine Siege an, wenn man sie entdeckt. Leider entwickelt sich so, aufgrund dieser so nur gelegentlich emotionalen Ansprache, kein Gefühl für den Ablauf der Geschehnisse. Es kommt bei mir als gänzlich Unbeschlagener, wenn es um die Hamburg-Stadt-Geschichte geht, nicht das Gefühl auf, etwas Neues gelernt zu haben. Das ist bemerkenswert schade, da die Ausstellung selbst, aber vor allem der parallel publizierte Begleitband„Revolution!? Hamburg 1918/19“ deutlich machen, welche Akribie bei der Erschließung teils neuer historischer Bestände vor allem in Archiven durch die Museumsmitarbeiter und helfende Hände geleistet wurde. Und so bleibt unklar, welche Erkenntnisse die Kuratoren bei der Vorbereitung in helle Aufregung versetzt haben mögen. Denn auch die neuen Erkenntnisse, die für Stamm- wie auch Erst-Besucher interessant sein könnten, reihen sich in den restlichen Erzählduktus ein und fallen kaum auf. Wenig zugänglich wären Detail-Interessierte also angehalten, tatsächlich alle Texte zu lesen. Dies kann zwar ehrenwertes Ziel, nie jedoch die kuratorische Grundhaltung gegenüber dem Besucher sein. Der will umworben und animiert werden und keinesfalls das präsente Gefühl des Abarbeitens haben.

DSC06207

Eine kleine Besonderheit

Den letzten thematischen Schwerpunkt stellt der Bereich „Demokratie“ dar. In ihm sind die Besucher aufgerufen, darüber abzustimmen ob es sich, im Ansehen an das in der Ausstellung Gelernte bei den Ereignissen des Jahreswechsels 1918/19 um eine Revolution gehandelt hat oder nicht. In zwei Stelen lässt sich schemenhaft das abstrakte Ergebnis dieser großen Frage erschließen. Unentschiedenheit und Beliebigkeit bleibt als Eindruck zurück. Es bleibt offen, welchen Nutzen dieses sicher gut gemeinte Element für die Ausstellung, deren Kuratoren oder die Besucher mit sich bringt. Der Raum definiert sich durch eine Wand, die mit vorbereiteten Denkzetteln bespickt werden kann. Hier finden sich kurze Statements von Besuchern, die sich um die Begriffe „Revolution“, „Demokratie“ und „Mitbestimmung“ drehen. Anders als die genannte Abstimmung ist dies unterhaltsam, gibt jedoch ebenfalls die Frage auf den Weg, ob mehr dahintersteckt oder stecken könnte.

DSC06284-Bearbeitet

Gestaltung

Schon nach den ersten Minuten fällt leider die etwas trübe gestalterische Sprache auf, die genutzt wird, um die Ereignisse zu strukturieren und zu inszenieren. So fällt die, zugegebenermaßen gewohnte, sehr schlichte Wahl von Grautönen auf, die sich tatsächlich durch die gesamte Ausstellung ziehen. Sie werden nur vereinzelt durch Exponate aufgebrochen, denen entsprechend eine höhere ästhetische Last zukommt, die – es ist den Dokumenten der Zeit geschuldet – eine solche Aufgabe nur sehr selten meistern können. Dies mag auf das Empfinden der Kuratoren zurückzuführen sein, die von einem größeren Eindruck des Präsentierten ausgegangen sind. In Ergänzung mit einer sehr dezenten Lichtinszenierung kann die Gestaltung jedoch keineswegs eine emotionale Ansprache entfalten. Eine, die Intimität erzeugen und damit die Besonderheit des Gezeigten stark machen könnte. Vielmehr entsteht eine Gleichförmigkeit, die nur vereinzelt aufgebrochen wird. So etwa durch die thematischen Schwerpunkte „Kommunikation“, „Gesundheit“ und „Versorgung“. Sie und die textlichen Einlassungen sind leider die einzigen gestalterischen Pointierungen. Hier wird mit Rot-Weiß-Kontrasten gearbeitet, die eine willkommene Abwechslung sind. Es ist schade, dass man derartige Marker an anderer Stelle vergeblich sucht. Nüchtern werden ansonsten Ensembles historischer Aufnahmen und Faksimiles gebildet, die erst bei näherer Betrachtung entschlüsselt werden können. Die einzige wirkliche Ausnahme bildet ein Ensemble von Tischen. In ihnen sind in Modellen typische Mahlzeiten der (Not-)Zeit präsentiert. Eine willkommene Auflockerung, die sich jedoch, wie auch die Rezepte zum Mitnehmen, nur als „nett“ zu bezeichnen sind.

Fazit: Die Sprache der Ausstellung

Wie bereits zur beschrieben, wird man beim Besuch der Ausstellung das Gefühl nicht los, sie wäre ein wenig „schüchtern“. Zurückhaltend, aber doch umfassend präsentiert sie die wichtigen Zahlen, Daten, Fakten und Personen. Und verzichtet dabei, bis auf einzelne Groß-Exponate fast ganz auf stärkere Akzente, die ein Absehen vom Erwartbaren möglich machen würden. Das heißt aber im Umkehrschluss, dass es auch keine Momente der Enttäuschung gibt, die dafür sorgen würden, dass man von einer schlechten Ausstellung sprechen könnte. Eher muss man sagen, dass sie ihre Aufgabe erfüllt, dabei jedoch leider das Potenzial nicht nutzt, dass ihr gewissermaßen durch die historische DNA des Themas „Revolution!!!“ mitgegeben scheint. Von Aufregung leider keine Spur. Ich möchte hier mutmaßen, dass dies in Konsequenz viele Besucher zur Antwort auf die Frage, ob es sich bei den Ereignissen um eine Revolution gehandelt hat, unentschlossen zu einem „Nein“ leiten mag. Zu einem „Nein“, das leider auch einen Schatten auf den Ausstellungsbesuch selbst werfen kann. Denn ein beherztes „Ja“, es drängt sich kaum auf. Zu sehr hinterlässt die Ausstellung den Eindruck der Pflicht und erzeugt nicht die Spannung, die man sich erhofft. Es fehlen die Schlaglichter, die Staunen und Verständnis erzeugen könnten.

Ich danke dem Historischen Museum Hamburg für die Einladung.

Laufzeit der Ausstellung: 25. April 2018 bis 25. Februar 2019

DSC06269