Wir müssen reden: Moderne Technologie in Museen

Auf Museen, die moderne Technologie ausstellen, kommen große Veränderungen zu. Veränderungen, die wie Inklusion oder Gamification schon seit Jahren unseren Alltag tiefgehend verändern, aber noch nicht so recht Eingang gefunden haben in  entsprechend physisch präsentierende bzw. vermittelnde Kulturinstitutionen bzw. ihre Arbeit. Daß sich diese in teils atemberaubend geringem Tempo vor unseren Augen abspielen bzw. große Herausforderungen mit sich bringen, sollte bei der Frage nach dem „Museum der Zukunft“ eine ebenso bedeutsame Rolle spielen wie die Frage nach dem Platz der neuen Darstellungsformen und -Inhalte  selbst. Die wichtigsten Aufgaben möchte ich daher in diesem Beitrag umreißen. Auch um selbst diese Frage nicht aus dem Blick zu verlieren, was schnell passieren kann, wenn Projekte und die eigene Schwerpunktsetzung sich aus verschiedenen Gründen regelmäßig ablenkend ändern. Andererseits, um hier auf dem Blog auf eine weitere riesige „Baustelle“ der Kulturinstitutionen hinzuweisen, für die es zwar den einen oder anderen Entwurf, aber nur selten konkrete Zielvorstellungen oder gar koordinierte Herangehensweisen gibt. Allein die Proklamation von neuen digitalen Projekten auf Twitter und Co., deren Schaffung geradezu Pflicht zu sein scheint, spricht hier Bände. Doch nur selten liest man konkreten Problemen des Arbeitsalltags, die oft größere Herausforderungen darstellen, da sie, wie zu zeigen sein wird, eben oft als facettenreiches als Komplett-Paket umgesetzt werden müssen, auch wenn es „nur“ um ein einzelnes Exponat oder ein einzelnes interaktives Spiel geht. Doch lenkt eine Fokussierung auf gelungene Projekte von der Komplexität des Problems deutscher Museen ab! Nur selten kommen Stimmen zu Wort, die auf die Schwierigkeiten und Begrenzungen beim Umgang mit neuen Mitteln und Technologien anspielen. Und nur selten scheint durch, dass Museen oft (noch) auf einem Auge blind sind, wenn es um Aufgaben außerhalb ihrer klassischen Aufgabenfelder geht. Vielmehr versuchen Museen Probleme meist intern zu verdauen und nur selten dringt ein kritisches Wort nach außen. Befangen herrscht überall dort Schweigen, wo sich die Probleme stapeln. Und auch die Auseinandersetzung findet oft im stillen Kämmerlein statt, obwohl mit grundlegenden Veränderungen vor allem der Arbeitswelt bzw, ihrer Werte und Organisationsformen eigentlich der gute Voraussetzungen herrschen, das zu ändern.

Ich will mich an dieser Stelle in gebotener Kürze auf moderne Technologien, die als Exponate in Ausstellungen genutzt/ausgestellt werden, konzentrieren. Der klassische Medieneinsatz in Bild und Ton bzw. die (Vermittlungs-)Strategien, die mit diesem verfolgt werden oder auch der interne Umgang mit neuen digitalen Arbeitsmitteln sind jeweils eigene Themen und eigene Beiträge wert. Vielmehr geht es mir um komplexe (Computer-)Systeme und Maschinen, wie sie sich immer häufiger in Museen finden. Durch diese Perspektive lässt sich, so meine Hoffnung, das Problem in seiner alltäglichen Dimension an einem Haus greifbar machen. Nun also: Warum stellen moderne Technologien in Ausstellungen eine so große Herausforderung dar? Eine, die angenommen werden muss, da die Frage ihrer Annahme in den nächsten Jahren unmittelbar an das Empfinden der Besucherschaft gebunden sein wird, ob ein Haus noch Relevanz besitzt bzw. attraktiv ist. Welche Hindernisse liegen den Museen im Weg, die theoretisch über die notwendigen Mittel verfügen, solche Projekte anzugehen? Was wird es für diejenigen bedeuten, die bereits heute mit der Bewältigung des Status Quo zu kämpfen haben?

Projekt-Planung

Wie bereits an anderer Stelle erläutert, durchlaufen Ausstellungen in jedem Haus verschiedene Phasen, die sich grob in die Vorbereitung des Konzepts, Planung und die konkrete Umsetzung einteilen lassen. So werden am Anfang zaghaft erste Überlegungen angestellt, was in der Ausstellung vermittelt werden soll. Und werden in der Folge immer konkretere Vorstellungen entwickelt, in Exponate umgemünzt und schließlich anhand einer Bewertung des Verhältnisses von Aufwand und Nutzen festgelegt. Im günstigsten Fall sind zu diesem Zeitpunkt einige Exponate sogar schon fest versprochen bzw. organisiert und der Schwerpunkt kann klar auf die konkrete Ausführung gesetzt werden.

Ausstellungen, die mit modernen Technologien umgehen, sehen sich jedoch stärker als in der Vergangenheit, mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert, die alle mehr oder weniger mit der Frage der klaren Phasentrennung zu tun haben. So verfügen nur die allerwenigsten Häuser über Sammlungsbestände, die wenigstens eine Auswahl an Exponaten hergeben würde. Eins der wichtigsten Fundamente der Ausstellungsvorbereitung entfällt damit und entsprechend laufen auch Anfragen bei Kollegen und vergleichbaren Museen ins Leere. Was bleibt, ist der Gang auf Messen und ein guter Draht zu Forschungseinrichtungen muss reaktiviert oder gar angebahnt werden. Im Zweifelsfall sind Anfragen mit ungewissem Ausgang bei großen Konzernen nötig. Alle drei genannten und  in ihrer gehobenen Bedeutung gewissermaßen neuen Anlaufstellen sind jedoch um einiges schwerer einzuschätzen, was die Bereitschaft angeht, Forschungs- und Verkaufsgegenstände zur Verfügung zu stellen, als klassische Partner (Privatsammlungen, Museen, Vereine etc.). Verständlicherweise. Doch auch das Zustandekommen des berühmten „guten Drahts“ verheißt noch lange keine Lösung. Und das hat vor allem einen Grund.

„Das haben wir noch nie gemacht“

Denn hat sich eine Einrichtung oder gar der Hersteller des ersehnten Roboters, dazu entschlossen, das Projekt zu unterstützen, wird deutlich, dass die beiden Parteien verschiedene Sprachen sprechen. Kultureinrichtungen wie Museen sind ständig auf der Suche nach Planungs-Sicherheit, während das Gegenüber in diesem Fall meist an vertrieblichen Kennzahlen oder dem gerade drängenden Projekt orientiert ist. Hinzukommt, daß Museen nur selten in der Lage sind, klare Vorstellungen oder gar Anforderungen zu formulieren, was am Ende des Prozesses stehen soll. Es fehlt schlicht das Wissen, um die internen Vorgänge auf der anderen Seite oder bezüglich einer Anforderung, mit der ein Experte umgehen könnte. Viel Zeit geht entsprechend verloren beim gegenseitigen abchecken, andenken und abstrakten Planen. In den meisten Fällen kommt dann, mehr oder minder als Punktlandung, eine Lösung heraus, mit der beide Seiten leben können. Nicht mehr – nicht weniger. Gewissermaßen ein zweischneidiges Schwert stellt bei diesen neuartigen Verhältnissen die Möglichkeit dar, dem schleppenden Prozess mit finanziellen Mittel wieder neues Leben einzuhauchen. Aufgrund der starken Position von Leihgebern aus Wirtschaft und Forschung werden mit diesen oft Vereinbarungen getroffen, die in anderen Szenarien, bei denen sich Alternativen finden ließen, kaum zustande käme. Hier muss oft abgewogen werden, ob der Trumpf eines modernen Exponats, das gut bei den Besuchern ankommen wird, den Schmerz und eventuell Kompromiss an anderer Stelle wert ist. Und das recht schnell, um schnell von der mehr oder weniger abstrakten Planung zur konkreten Umsetzung des Projekts geschritten werden kann.

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Projektmanagement

In der konkreten Planungs- und Umsetzungsphase kann die skizzierte Problemlage sich zuspitzen, wenn überraschend weitere Anforderungen hinzukommen. Hatte man zuvor monatelang darüber reden können, was machbar und sicher schön für die Besucher werden wird – und das mit dem Geld wird sicher auch zu klären sein -, geht es nun im Zusammenhang mit wenig attraktiven Fragen der genauen Vorbereitung, der Zeitplanung und der stillen Auseinandersetzung mit der Frage was eigentlich passiert, wenn nichts draus wird, ans Eingemachte. Dabei rächen sich versäumte Festlegungen der  Frühphase umso mehr. Denn neben der nun kritisch werdenden Zeit-/und Geldfrage, stellt sich eine interne Unruhe ein, die häufig auf Funkstille am anderen Ende, den Routiniers des eigenen Fachs, trifft. Denn obwohl die Museumsmitarbeiter selbst nur in den seltensten Fällen Experten ihrer modernen Exponate sind, werden sie zum Teil als solche wahrgenommen und nicht in ihrer kuratorischen oder organisierenden Funktion. Verwirrung ist vorprogrammiert. Damit hängt auch zusammen, dass sich Missverständnisse einschleichen können, die auch lange Zeit nach der Fertigstellung der Ausstellung Grund für schlechte Laune und weitere Ausgaben sein können. So kann etwa die verspätete Planung und Anfrage eines Exponats Stress erzeugen, der dazuführt, dass der eigentliche Aufwand für die tägliche Präsentation unterschätzt wird. Planungsunsicherheit und Verwirrung über die einzelnen Rollen der Beteiligten ergänzen sich in einem solchen Szenario denkbar negativ. (Besucher, die sich in einer ansonsten gut-funktionierenden Ausstellung fragen, wie es dazu kommen konnte, dass es an der einen oder anderen Stelle zu eklatanten (nicht funktionierenden, unansehnlichen) Ausreißern kommt, sehen sich eben solchen Planungsfehlern gegenüber.) Es gibt für diese natürlich noch weitere, doch dies ist mit Sicherheit der prominenteste. Problematisch bezüglich des Projektmanagements kann die Zusammenarbeit so unterschiedlicher Parteien (Kuratoren/Programmierer/Pädagogen/Handwerker) werden, wenn die Projektleitung kein hinreichendes Einsehen in die Arbeit der Beteiligten hat und notwendige Informationen entsprechend kanalisiert und weitergibt. Eine sicherlich nicht neue Anforderung, die jedoch durch die nun tatsächlich immer häufigere und drängendere interdisziplinäre Arbeit Komplexitätsgrade erreichen kann, die einer professionellen Projektleitung nochmals höheres Gewicht zuweisen. Denn sie es, die im Blick behalten muss, wie es um die Qualifikation der Beteiligten und ihre Zusammenarbeit bestellt ist und ob es im Zweifel nicht besser ist, schnell zu einem Notfallplan zu kommen, als zu lang einer Idee hinterherzulaufen.

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Qualifikationen

Wie ich an anderer Stelle erläutert habe, kommt der inneren Verfasstheit  von Kultureinrichtungen, die mit moderner Technik umgehen, eine immer größere Rolle zu.  So unterliegen die (Arbeits-)Biografien der Mitarbeiter seit einigen Jahren einem deutlichen Wandel, sind geprägt durch divergente Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen und bringen zudem oft ein grundsätzliches Verständnis gegenüber der Funktionsweise moderner Technologie mit. Dem stehen jedoch Häuser gegenüber, die es bisher versäumt haben, auf diese Veränderungen zu reagieren. Sie reproduzieren mit klassischen wie schwammigen Stellenbeschreibungen vergangene Vorstellungen darüber, welche Aufgaben in einem Museum zu erledigen sind. Und tragen damit wenig zum Abbau der Scheu gegenüber neuen Lösungen bei. Auf der anderen Seite gilt es den Input ernstzunehmen, der gerade vonseiten jüngerer Kollegen kommt, wenn es um neue Wege geht. Noch viel zu selten werden diese neuen Perspektiven als positive Begleiterscheinung einer grundsätzlichen Veränderung im Verständnis darüber wie und womit im Museen gearbeitet werden sollte, verstanden. Wie ein Fels in der Brandung steht dahinter die Vorstellung eines mindestens kleinen, aber feinen Unterschieds zwischen der Welt außerhalb und innerhalb des Museums. Entsprechend wird in den nächsten Jahren die Bedeutung wachsen, die der Weiterbildung „on the job“ zukommt, will man verhindern, dass es bei kurz- bis mittelfristigem Stückwerk bleibt. Nur wenn sich hier Strukturen bilden, die es Mitarbeitern erlauben einen Sinn in der weitergehenden Beschäftigung mit Themen jenseits der klar abgesteckten Stellenbeschreibung  zu sehen, werden Museen ihren jeweils eigenen Weg gehen können. Und zu diesem stehen können. Bis dato sieht die Wirklichkeit jedoch leider anders aus. 

moderne Technologie - vor allem in Form von Robotern ein Thema im Museum

Moderne Technologie – auch eine Frage des Geldes

Dem einen oder anderen Leser mag bereits aufgefallen sein, dass bisher kaum von Fragen des Budgets die Rede war. Und das hat verschiedene Gründe. Bei der Entscheidung über die Verteilung von Projekt-Mitteln muss zu einem recht frühen Zeitpunkt festgelegt werden, welche Bedeutung den verschieden Bereichen der Gestaltung, des Baus und anderer Arbeiten zukommen soll, wo mit Mehraufwand zu rechnen ist bzw. welche Risiken im Zweifelsfall in Kauf genommen und abgefedert werden können. Das selbst ist natürlich nichts Neues, sondern hat sich in den letzten 10/15 Jahren als Modus Operandi vieler Häuser etabliert.

Neu daran ist jedoch die gesteigerte Komplexität, die zum Beispiel mit der Planung von spielerischen Installationen und Robotern einhergeht. Besitzen klassische Ausstellung ohne „digitale Note“ bereits mit Vitrinenplanung, Exponat-Akquise, Ausstellungsbau und anderen Komponenten bereits genug potenzielle Querschläger, die zumindest punktuell das Zeug haben, Zeitpläne zu zerstören, sieht man sich hier teils unplanbaren Problemen gegenüber. Dies sind Probleme, deren Lösung oft nicht übergangsweise vom Haustechniker geleistet werden kann, sondern das Know-How des entsprechenden Dienstleisters benötigt. Anders als eine fehlkalkulierte Vitrine kann damit etwa die interne Serverstruktur für die neue Ausstellung  große Mittel verschlingen ohne dass dabei gesichert wäre, dass nicht andere Probleme auftauchen.

Aber auch jenseits dieser Probleme, die – so muss man ehrlicherweise festhalten – nur wenige große Museen betreffen, legt das Digitale die Daumenschrauben an. So ist bereits die Aktualisierung der internen Technik oft ein Kraftakt, der über das anvisierte Fertigstellungsdatum hinausreicht. Und zwar in Form von Lizenzkosten und nötigem Know-how, das in den meisten Häusern eingekauft wird und damit mit verlässlicher Regelmäßigkeit Kosten verursacht. Auch Zeit wird hier oft zum Faktor, die oben beschriebene ungenügende Qualifikation zu zeitlichen Verzögerungen führt.

Wie sich schon durch diesen kurzen Abriss zeigt, stellt der Faktor „Geld“ in diesem Zusammenhang nicht den größten Faktor bei der Kalkulation des wirklichen Aufwands dar. Vielmehr muss bereits früh mitgedacht werden, welche finanziellen Puffer vorhanden sind, um späteren Problemen begegnen zu können. Dies wird sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen, da moderne Technologie, hier einmal verstanden als programmierte, software-seitige Technik, weiter Einzug halten wird, wenn (technische) Museen weiter als Orte der gelungenen Präsentation und des Austauschs über aktuelle Entwicklungen gelten wollen. Immer weniger wird es vor dem Hintergrund eher knapper Kassen zu leisten sein, attraktive Lösungen durch Auftragsarbeiten verlässlich zu planen. Und so gilt es aus der Not eine Tugend zu machen, die im nötigen Aufwand die Chance sieht, Know-how im eigenen Haus zu bilden.

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Der Druck steigt

Die Frage nach der technischen Machbarkeit von interessanten Lösungen hat ausgedient und nach nunmehr ca. 20-jähriger intensiver Rede über die „Neuen Medien“ geht es darum, diese jeweils an das einzelne Haus angepasst zu entwickeln und damit zu einer Sprache zu finden, die nicht nur punktuell von Besuchern als „interessant“ oder „OK“ bewertet wird, sondern aus den gemachten Erfahrungen gelernt hat.  Dazu gehört  das klare Bekenntnis zu den Defiziten und eine Neu-Definition der Anforderungen an Mitarbeiter, Organisationsstrukturen und die Ansprüche, die mit „dem Digitalen“ verbunden werden. Damit gilt es nichts anderes als eine neue Art Arbeitsalltag zu etablieren, der durch Kollegen mit anderen, teils technischen Backgrounds, geprägt ist. Es gilt gleichzeitig für die (Technik-)Museen näher an die Orte des Geschehens, das heißt Wirtschaftsunternehmen, Forschungseinrichtungen und andere Einrichtungen der „digitalen Moderne“, heranzurücken. Es gilt aus der Grauzone der Mehrbelastung herauszukommen, die sich in den letzten Jahren deutlich herausgebildet hat in Form liebevoll ineffizienter Twitter-Accounts, Projekten, die „nebenbei“ entwickelt werden sollen und Unwissen über das grundsätzliche Funktionieren relevant werdender Technologien vonseiten vieler Mitarbeiter. Zusammengefasst heißt dies für die Museen , dass mit dem zunehmenden Anteil digital-programmierter Technologie Herausforderungen am Horizont aufgezogen sind, die ihre Mitarbeiter und die Art und Weise ihrer Arbeit in den nächsten Jahren stark verändern werden. Aber auch, dass künftige Ausstellungen, die nicht dezidiert historisch zurückschauen, tatsächlich nur „gut“ sein können, wenn das hier immer wieder genannte „Know-how“ und andere Voraussetzungen gegeben sind.