Zinkfabrik Altenberg – Oberhausen

Das Industriemuseum in der Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen erzählt unter dem Label „Schwerindustrie“ auf über 3000m² die Geschichte der Eisen- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet und hat damit ein klar umrissenes Thema. Man weiß, was man erwarten kann, was vor allem für Touristen ansprechend wirkt. Doch deren Ansturm auf das in Bahnhofsnähe gelegene Haus ist sicher überschaubar und so macht es Sinn, im Zuge eines Besuchs zu fragen, wie die Dauerausstellung vor allem auf regionale Besucher wirkt. Welche Geschichten werden erzählt? Welche Akzente werden dabei gesetzt? Und: Welche konzeptionellen und/oder gestalterischen Probleme zeigen sich nach 20 Jahren? Wie geboten scheinen Aktualisierungen?

Es geht los! – die Geschichte des Ruhrgebiets

Kaum hat man die Eintrittskarte in der Hand und ist mit den wesentlichen Informationen durch das freundliche Servicepersonal ausgestattet worden, steht man im ersten Bereich, der zwar offen, aber doch auch wenig geordnet erscheint. Den Audioguide am Ohr, die Kamera in der einen, den Wegeplan in der anderen Hand, schweift der Blick durch den Raum. Vitrinen rechts, Vitrinen links. Einzig eine große Maschine erzeugt in alldem Neugier und einen klaren Bezugspunkt. Auch fallen die kontext-echten Begriffe auf, die in Leuchtschrift an der Wand prangen und gewissermaßen den Besuch und das Thema überstrahlen. Ansonsten, so scheint es, hat dieser erste Bereich vor allem die Aufgabe der (Gruppen-)Sammlung. Zudem bildet den Korridor für das Geschehen zwischen Kasse, Toiletten, Eingang und den Schließfächern. So halb offen und nicht ganz Teil der Ausstellung.

Zwiespältig ist also der erste Eindruck, doch mit Beginn des eigentlichen Rundgangs legt sich dieses Gefühl. Dieser erläutert die historischen Entwicklungen und kommt – der Geschichte Oberhausens und des Ruhrpotts selbst entsprechend –  schnell zur Sache, nämlich der Industrialisierung. Sie bildet räumlich wie auch inhaltlich das Zentrum. Dies wird z.B. verstärkt durch die großen (Metallbearbeitungs-)Geräte, welche die Arbeitsprozesse und Veränderungen des Werks selbst darstellen. Und irgendwie deutet sich im Hintergrund die Person Krupps immer mal wieder an.  Gleichwohl ist die Ausstellung nicht dafür gedacht, Umfeld und allgemeine Entwicklungen verständlich zu machen. Diese werden nur zitiert, wo sie nötig sind und finden ihren Niederschlag im Wesentlichen auf den gläsernen Texttafeln der jeweiligen Abteilung. Gleichwohl kann man sich gut vorstellen an diesem Ort entsprechende Inhalte näher zubringen, wenn man sich auf bestimmte Punkte beschränkt. Auch verfügt die Ausstellung über eine Kindererzählspur, die ich jedoch nicht getestet habe. Wir werden noch sehen, warum diese auch sehr nötig ist.

Texte und Medienstationen

Die angesprochenen Texte in der Ausstellung gehören zu ihren Schwächen. Ganz im Stil der 90er Jahre finden sich kontrast-schwache, lange Texte, die zum Teil auf hellen/schrägen Glasflächen angebracht sind. Das ist nicht nur für sehbehinderte/alte Besucher eine Herausforderung. Die Gründe mögen in der Kombination von begrenztem Platz und großen Sichtflächen der Exponat-Vitrinen liegen. Besonders verwirrend kommt es zudem zu gelegentlichen „Übergriffen“ grafischer Elemente auf die Sichtflächen. Auch an anderer Stelle ist noch „Luft nach oben.“ Denn leider präsentiert die Abteilung, die den Nationalsozialismus erläutert, jene unsäglichen, laminierten, einseitigen Textversatzstücke, die man aus so vielen Häusern kennt. Ihre Zeit, so scheint es, will nicht zu ende gehen.

Anders sieht es bei den Medienstationen aus. Sie sind zwar vergleichsweise alt, funktionieren aber immer noch gut und zeigen Inhalte, die mal aktuell gewesen, inzwischen selbst historisch geworden sind. Dass im Film zum großen Stahlhammer zwei Schnauzbärtige 90er-Jahre-Arbeiter zu sehen sind, es erzählt von der Zeit wie auch die frühen Steuerungscomputer, die gegen Ende zu sehen sind.

Audioguide

Der etwas in die Jahre gekommene Audioguide erfüllt seine Aufgabe mal gut, mal schlecht. Die Beiträge sind verhältnismäßig lang und erzählen eine Episode, die das Thema um eine vertiefende, emotionale Komponente bereichern soll. Das ist vor allem am Anfang (s.o.) verwirrend, da man den Hörer am Ohr auf Exponate schaut, die dadurch höchstens geteilte Aufmerksamkeit erhalten. Zudem verstärkt sich dadurch im ersten Raum, der „Ankommsituation also“ das Gefühl latenter Orientierungslosigkeit. Sehr gut funktioniert er jedoch zum Beispiel beim Durchschreiten des Werkstores.

Die verschiedenen Stationen der Metallverarbeitung breiten sich vor dem Besucher aus und ein Kumpel im Audioguide führt uns, den Neuling, durch die groben Abläufe. Und warnt uns davor, mit dem „Vorwärts“, der Sozi-Zeitung des späten 19. Jahrhunderts, durch das Kruppsche Reich zu stapfen. Eine nette Spielerei. Auch andere Episoden werden in Hörspiel-Manier in den Kopf gebracht. Und so wird die Lokomotive zum Unfallfahrzeug und der große Eisenhammer durch Sprache irgendwie noch ein wenig größer. Das ist irgendwie altbacken – und irgendwie wunderbar wirkungsvoll. Gerade für Einzelbesucher. Wohl auch in Zukunft eine schöne Art, um mehr über ein so lebhaftes Thema zu erzählen! Man kann sicher davon ausgehen (und hoffen!), dass dieser Aspekt in Zukunft mitgedacht wird.

Architektur und Gestaltung

Hier liegt wohl die große Herausforderung der Zukunft. Denn zwar ist die inhaltliche Abfolge klar. Durch die Offenheit des Raumes und die teilweise durch Exponate selbst geleisteten Unterteilungen der Ausstellungseinheiten, ergeben sich allerdings verschiedene räumliche Probleme. Zum Einen sind die beabsichtigten Sichtachsen nicht so einfach erkennbar. Zum Anderen bringt dies regelmäßig den Wanderpfad-Charakter in das Bewusstsein, der nur gelegentlich in größeren Ensembles aufgelöst wird. So wird das Interesse noch weiter auf die Großexponate gelenkt, während andere eher mit detailliertem Schauwert im Kleinen glänzen können. Auch die großen Modelle, welche technische Abläufe und Geographien vor Augen führen, können das Interesse wecken. Nur wenige der kleineren Exponate sind besonders interessant. Hier wäre gestalterisch und durch mögliche Interaktionen noch mehr drin, da die meisten von ihnen so zwischen den vielen Winkeln, Abzweigungen und diffusen Lichtstimmungen irgendwie verloren gehen. Eine Ausnahme bilden 4 kleine Nischen an denen verschiedene Instrumente und Techniken nachvollzogen werden können und die auf die Komplexität und Schwierigkeit der (geistigen) Arbeit bei der Metallverarbeitung abzielen.

Die Exponate – Highlights

Natürlich bietet die Ausstellung auch Highlights, die zu einem beträchtlichen Teil zu ihrer Attraktivität beitragen. Diese großen, raumbestimmenden Maschinen, sind in den meisten Fällen so platziert, dass sie von verschiedenen Seiten betrachtet werden können und meist ohne Absperrungen auskommen. Selten sieht man eine Ausstellung, die so offen für die Besucher ist und keine Berührungsängste haben muss. Auch die großen Modelle stehen frei und man mag sich wundern, dass sie die Zeiten so gut überdauert haben. Auch Akzente wie die funktionierende Antriebswelle sowie der Abschluss des Ausstellungsbesuchs durch eine zum Beginn führende Brücke, sind willkommene Abwechslungen. Dieser letzte Gang führt aber zugleich vor Augen, wie verwinkelt die ganze Ausstellung ist.

Fazit

Die Dauerausstellung des Industriemuseums in der Zinkfabrik Altenberg ist gut gealtert. Die Spuren der Zeit haben sich in sie vor allem in die Konzeption gegraben. Die räumliche Orientierung könnte besser sein und auch die Methoden mit denen der Inhalt an den Mann oder die Frau gebracht werden, haben ihre besten Tage längst hinter sich. Man wird in den kommenden Jahren darüber nachdenken müssen, an ihnen etwas zu ändern. Dass das im Fall des Industriemuseums keine einfache Aufgabe werden wird, dürfte deutlich geworden sein. In seiner Ausstellung hängt irgendwie alles mit allem zusammen, kaum eine Abteilung, die sich größeren Erneuerungen unterziehen könnte, ohne sie links und rechts zu provozieren.

Eine große Provokation deutet sich jetzt schon an – der Wandel des Ruhrgebiets. Auch er wird voranschreiten – und seinen Platz auch in einem solchen Ort der Erinnerung und Identitätsstiftung finden müssen. Im Moment ist im alten Industriemuseum Oberhausen vom „neuen“ Ruhrgebiet leider noch nichts zu sehen.

Beiträge zu anderen Dauerausstellungen und ihren Herausforderungen findest du hier!

Der Besuch erfolgte im April 2017.