Literatur: Die Wannsee-Konferenz von Peter Longerich

Einleitung

Zu den großen allgemeinen Missverständnissen über die Zeit des Nationalsozialismus, gehört die Annahme, dass auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 die “Endlösung” der “Judenfrage” geklärt worden wäre. Obwohl vor allem dezidierte NS-Forscher diesem Verständnis schon längst nicht mehr pauschal folgen, hält sich diese angenehm einfache Interpretation in der Öffentlichkeit bzw. Bietet sich vor allem für reißerische und stark emotionalisierte Darstellungen an, die gern vom “Bösen”, der Verschwörung und klaren, geordneten Absichten sprechen. In Antwort und zur Sortierung des Forschungsstandes, setzt sich Peter Longerich zum  75. Jahrestag in seinem gleichnamigen Buch mit diesem fast schon zu Mythos gewordenen Ereignis auseinander und gibt dem Leser dabei nicht nur eine inhaltliche, sondern auch räumliche und personelle Orientierung. Im Kontext “Zukunft” ist die Konferenz als historischer Moment interessant, in dem sich verschiedene Wahrnehmungen des retrospektiv oft als notwendig Kommenden betrachteten überlagerten und beeinflussten. Im Lichte der sich ständig in Bewegung befindlichen und parallel laufenden Planungen der verschiedenen Parteien und die Bedingungen des Konkurrenzdruckes innerhalb der NS-Strukturen und einem Kalkül hinsichtlich der internationalen Reaktionen, gehört eine aktuelle, einfache und konzise Dekonstruktion dieser Zusammenkunft auch heute zu einem wichtigen Baustein der breiten Entmysthifizierung des NS-Regimes. Umso mehr als Normallesern schon die schiere Maße an verfügbarer Literatur Respekt einflößen mag, die sich nach den großen Linien inzwischen eher auf persönlichen Geschichten und Motiven der Beteiligten konzentriert. Wozu also ein Buch über ein so klar umrissenes Thema wie die Wannsee-Konferenz?

Die Konferenz

Anfang 1942 fand am Wansee (Berlin) in beeindruckender Kulisse ein Treffen hochrangiger NS-Funktionäre statt. Für einige Stunden traf man sich so, sehr passend, in großbürgerlicher und kürzlich “arisierter” Kulisse. Zu den 15 Teilnehmern zählten Staatssekretäre verschiedener Ministerien und Ämter, Vertreter aus SS und Polizei, sowie der betroffenen Gebiete, allen voran dem östlich gelegenen Generalgovernemt”. Diese folgten der Einladung von Reinhard Heydrich, dem Chef von Sicherheitsdienst und Sicherheitspolizei, der von Göring im Vorjahr damit beauftrag worden war, eine “Endlösung” der “Judenfrage” zu erarbeiten und vorzulegen. Waren nach deren rechtlicher Ausgrenzung (”Nürnberger Gesetz”, 1935) und im Zuge der rassisch motivierten (Um-)Siedlungpläne verschiedene Szenarien (Ostsiedlung, “Judenstaat”, Madagaskar-Plan) zu einem verschärften Umgang durchgespielt worden, hatte sich mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 die Härte und Konsequenz mit der an der Vernichtung entsprechender Bevölkerungsteile gearbeitet wurde, arg verschärft. Massenerschießungen, Gas-Versuche und die “Vernichtung durch Arbeit” hatten jeweils eigene Dynamiken und Planungsspiele durchlaufen und erst mit dem Überall auf die Sowjetunion und der durch Hitler vorgegebenen Linie, die allmählich jegliche Bedenken ablegte, drängten immer mehr Parteien auf umfassendere Lösungen bzw. wiesen darauf hin, in ihren eigenen (beschränkten) Zuständigkeiten keine Komplettlösungen erreichen zu können. Longerich verweist auf diese Parallelität, sondern auch auf die makabren Aushandelungen, die sich durch diese ergaben. Ständig wurde um sich überschneidende Zuständigkeiten gerangelt, Personenkreise, die betroffen sein würden, mussten bestimmt, taxonomiert und kategorisiert werden. Hinzukamen die logistischen und wirtschaftlichen Überlegungen und notwendigen Abstimmungen. Wie man es aus anderen Kontexten, etwa den Eichmann.-Protokollen, kennt, ist es dieser “Arbeits”-Charakter einer Verschwörung zum Massenmord, die den Leser sprachlos machen kann und die sich nur schwer darstellen lässt. Immer wieder schildert der Autor die Aushandlungen, wenn es um die gegenseitigen Beeinflussungen verschiedener “Aktionen” geht. Und er versteht es, wiederholt darauf hinzuweisen, wie verschiedene Punkte natürlich nicht vor Ort geklärt wurden, sondern im Hintergrund den Alltag bestimmten. So gehört es zu den Zufälligkeiten des Zusammentreffens, das wesentliche Protagonisten, allen voran Heinrich Himmler, nicht selbst vor Ort waren. Schlichtweg makaber und düster lesen sich auch die Erörterungen über die Unterscheidung von “Geltungs-Juden”, einer schwammigen rechtlichen Zuschlagskategorie, und “Voll-Juden”. Hier traten ideologische Überlegungen genauso zutage wie Versuche der Selbstdarstellung und die Frage der inneren Stabilität des Reiches. Gut und gern kann diese Auseinandersetzung, neben logistischen Fragen, als interessantester Punkt der Konferenz betrachtet werden, da sich hier notwendigerweise die Kompetenzen der Beteiligten überschnitten. Auch dies war ein Ziel Heydrichs, der mit der Konferenz sicherstellte, dass seine (und im Hintergrund Himmlers) Federführung sowie eine Mitwisserschaft etabliert waren. Hatten etwa Innenministerium und Auswärtiges Amt bis dato tatsächlich zum Teil große Informationlücken bezüglich der wirklichen Vorgänge gehabt, waren auch sie in der Folge zur Doppelzüngigkeit angehalten und übernahmen das Vokabuklar der “Evakuierungen” und „Ostsiedlungen“, wohlwissend um die Wahrheit hinter solchen Begriffen.

Fazit

Durch den geringen Umfangs und den damit verbundenen Versuch eine gute Lesbarkeit zu bieten, ist das Buch sicherlich kein Meilenstein der Forschung. Jedoch ist es erfreulich, dass mit ihm eine Abhandlung vorliegt, welche die Komplexität, das personelle Gerangel, sowie die ideologischen Grundzüge des Völkermords darstellt. Auch ist ein Gesamt-Abdruck des Protokolls von Heydrich beigefügt. Die Betrachtung zeigt, dass die organisatorisch-logistischen Weichenstellungen zum Teil schon um Einiges früher und ohne konkreten Bezug zur “Endlösung” gestellt wurden  und der retrospektiv als Shoa auf den Begriff gebrachte Völkermord aus heutiger Perspektive bis zu diesem Zeitpunkt eher als gezieltes Experimentieren bezeichnet werden sollte. Gerade für grundsätzlich am Stand der Forschung orientierte Leser ist das keine Überraschung, hat aber durch das Format die Chance auch weitere Kreise zu erreichen. Longerich schreibt genau und klar strukturiert – und doch ist das Werk natürlich kein Lesegenuß im wörtlichen Sinn. Dafür ist ein notwendiges Buch in Zeiten schüchterner, durch-kommentierter “Mein Kampf”-Ausgaben.  Mit ihm führt Peter Longerich konsequent seine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weiter, die sich bis dato in seinen Monografien auf wesentliche Protagonisten konzentriert hatte. Die erfreuliche Konzentration auf eine einzelnes Ereignis ist eine intellektuelle Konsequenz des Autors und dürfte dazu beitragen, dass vor allem jüngere Leser ein Verständnis für den autoritären Vorwärtstrieb des Nationalsozialismus entwickeln. Anders als bei der Beschreibung eines ganzen Lebenslaufs kann hier das Davor und Danach einer Momentaufnahme umrissen und damit eine Perspektive eingenommen werden, die in ihrer Konsequenz auf die handelnden Menschen zurückkommt und die historische “Station Wannsee-Konferenz” weniger abstrakt erscheinen lässt. Wer sich also für das Thema interessiert, und sei es nur als ergänzende Lektüre, dem sei das Buch ans Herz gelegt.

PS: Auch filmische Darstellungen wurden vereinzelt unternommen. Den Beitrag zur deutschen Produktion aus dem Jahr 1984 finden Sie hier.