„Johnny Mnemonic“, 1995

Wer zu Beginn der 1990er Jahre einen interessanten und publikumsaffinen Film über Technologie machen wollte, präsentierte Varianten des Internets und bediente sich der Sprache vom „Cyberspace“, der „Kybernetik“ und Allvernetzung aller Menschen miteinander – und von diesen mit ihren Maschinen. Zwar war diese Darstellung von virtuellen Welten nichts Neues und mit einem breiten Spektrum von Tron bis Wargames von spielerisch bis sehr ernst bereits in den 80er Jahren präsentiert worden. Die 1990er lauerten jedoch eher auf eine Verbindung, den großen Kassenschlager, der spätestens mit Matrix auch kommen sollte. Das Virtuelle, so schien es, würde auch für das Kino neue Möglichkeiten und Begeisterung eröffnen. Stoffe und Inhalte vornehmlich in der Form von Science-Fiction-Novellen aus den 1970er Jahren waren reichlich vorhanden und harrten ihrer Ausführung. Was also fing „Johnny Mnemonic“ mit diesen Erwartungen und Möglichkeiten an? Welche Geschichte wurde hier erzählt? Und vor allem: Was präsentierte der Film als „Cyberspace“?

Bits und Bytes aus dem Vorbeiflug? der Cyberspace ist vor allem bunt

Der Stoff:

Im 21. Jahrhundert erreicht der Konflikt zwischen Technikgläubigen und Kritikern einen krassen Höhepunkt. Großunternehmen beherrschen die Welt und an den Rändern von Geographie und Gesellschaft leben die „Low-Tecs“ wie „die Ratten in den Wänden der Welt.“ Mit diesen malerischen Worten beginnt „Johnny Mnemomic“ aus dem Jahr 1995. Geschrieben vom Vater des Begriffs „Cyberspace“ William Gibson selbst. Dieser hatte im Magazin Omni im Mai 1981 erstmals die Geschichte um einen Daten-Kurier veröffentlicht, der sensible Daten in seinem Gehirn für zahlungskräftige Kunden beförderte. Zu Beginn des Filmes sehen wir wie Johnny (Keanu Reeves) vom Vermittler seiner Aufträge dazu gedrängt wird noch diesen einen Auftrag zu übernehmen – vor allem um seine eigenen Erinnerungen wieder herstellen zu lassen. Johnny nimmt den Auftrag an und entkommt nur knapp einem Attentat auf seine Auftraggeber kurz nach der Überspielung der Daten. In der Folge erhält er Hilfe von einer attraktiven, aber in den Augen der höheren Gesellschaft „beschädigten“ Jane (Dina Meyer) und besagten Hackern, den „Low-Tecs“. Diese offenbaren ihm, dass  in seinem Hirn der Schlüssel für die Heilung der Seuche gespeichert ist. Aus Sicherheitsgründen hat Johnny jedoch keinen Zugriff darauf. Einige unübersichtliche Kämpfe – die sich offenbar zwangsläufig in den dunklen Winkeln abspielen und eher schlecht als recht choreographiert sind – später, hat sich Johnny tatsächlich geopfert. Und überlebt… Ende gut, alles gut.

knochentrockenes Schauspiel – Keannu Reeves als unbeweglicher Mensch

Zwischenfazit:

Die Herausforderung des Filmes bestand neben der Erzählung dieser reichlich verworrenen Geschichte um Missbrauch, Erpressung und die Heilung von einer Art postmoderner Pest – „Nerve Attenuation Syndrome“ (NAS) – in der Visualisierung des Internets in einer absehbaren Zukunft des Jahres 2021. Doch „Johnny Mnemonic“ blieb schon zu seiner Zeit weit hinter den technischen Möglichkeiten zurück und präsentierte Zuschauern schon damals eine wenig spannungsgeladene Geschichte. Die stocksteifen Performances der Darsteller sowie der gefühlt enge räumliche Fokus führten dazu, dass die interessanten Grundmotive des Romans nur vereinzelt angesprochen wurden. Gleichwohl bildete der Film zusammen mit „Strange Days“ und „Hackers“ im Jahr 1995 eine dunkel eingefärbte Fassung des virtuellen Raumes und befriedigte die aufsteigende Neugier auf die nicht mehr ferne technologische Zukunft. Der Gedanke aus der allgemeinen Cyber-Euphorie Gewinn zu schlagen und eine recht große Zuversicht diese in kommerziellen Erfolg umzumünzen zu können, war einer der Gründe warum das Budget mit 26 Millionen Dollar verhältnismäßig klein ausfiel.

Man sieht dem Film an, dass ihm die virtuellen Szenen wichtig sind. Zu wichtig. Obwohl wir als Zuschauer tatsächlich die dunkle Seite der Entwicklung präsentiert bekommen, schafft es der Film zu keinem Zeitpunkt, das Verhältnis von Technologie und Mensch ernsthaft anzusprechen. Und auch der Aspekt, dass in einer Welt mit (illegalen) Datenkurieren und der Quasi-Herrschaft von Großunternehmen ein allgemeiner Druck herrscht, sich mit Implantaten auszustatten, ist nie Thema. Einzig Johnnys Eintausch seiner Kindheitserinnerungen gegen freie Speicherkapazität (80GB) wird wiederholt angesprochen, wenngleich ohne jede Dramatik. Es scheint erstaunlich, dass der Autor der Geschichte, Willliam Gibson, selbst so großen Anteil an ihrer filmischen Umsetzung hatte und das Drehbuch schrieb, denn selten hat ein Film so sehr interessante Motive vermieden, die ihm eigentlich mitgegeben sind. Auch der Fakt, dass die besagte Krankheit durch einen „Informationsschock“ hervorgerufen wird, ist fällt als Anmerkung, wird aber nicht weiter verfolgt.

Warum ist „Johnny Mnemonic“ trotzdem sehenswert?

Diese erwähnten Blicke in den Cyberspace mithilfe von Spezialeffekten sind heute das Einzige, womit der Film noch halbherziges Interesse erzeugen kann.  Das fällt auf, denn er wird nicht müde Situationen zu konstruieren, die es notwendig machen, diesen Cyperspace zu betreten. Als sich Johnny in einer Art Internetcafe heimlich einwählt, um Recherchen anzustellen und herauszufinden, in was er verstrickt ist, fängt er sich einen Virus ein.

Gestensteuerung im Cyberspace

In Reaktion auf die Gewissheit, dass die Informationen, die er gespeichert hat, nicht nur zu seinem Tod führen können, sondern die Heilung für das NAS-Syndrom bedeuten, begibt sich Johnny per Interface in seinen eigenen Kopf. Diesmal jedoch muss er – mithilfe eines Delfins (…) – komplett und als Person in den virtuellen Raum.

Johnny betritt mithilfe eines neuralen Interfaces seinen eigenen Speicher
ein ausgemusterter Delfin des Militärs leitet den (kybernetischen) Weg
der Avatar von Johnny – oder er selbst? Wir wissen es nicht.

Mit diesem tatsächlich vollständigen Eintauchen tritt der größte Makel des Films entgültig zutage. Könnte man noch verschmerzen, dass die Schauspielkünste gering und das Budget eingeschränkt waren und sich beides entsprechend auswirken musste, wird hier klar, dass inhaltlich nichts klar ist! Ob dies gegenüber den vorherigen Blicken in das Internet, die gewissermaßen ein Hineinsehen Oberflächen und Speicher darstellten, einen Unterschied macht, wird nicht deutlich. Vielmehr zeigen die wenigen Sequenzen wie sich Johnny wie selbstverständlich und natürlich in diesem virtuellen Raum bewegt.

Nicht nur, dass der Film damit jede potenziell interessante Interpretation erneut und entgültig abwürgt, dem Zuschauer wird schlicht nicht klar, worin die Notwendigkeit für dieses abstruse Unterfangen besteht, abgesehen von der Möglichkeit eine eher action-orientierte Szene zu platzieren. Derart schlanke Handlungslogiken waren eher aus dem Genre des Action-Films bekannt – und wirkten auch in diesen nur durch einen vorher erläuterten Rahmen. Viel Lärm um Nichts also! Ob 2-3 Minuten netter Animation das Schauen wert ist, muss jeder für sich selbst wissen.

Fazit:

„Johnny Mnemonic“ ist ein Film, der alles andere als gut gealtert ist. Die mittelmäßige Handlung wirkt gleichzeitig zu dünn und komplex. Moralische Fragen des Umgangs mit der Technik erzeugen weniger Dramatik als jeder andere Blockbuster-Film über das Thema. Tatsächlich bleibt der Eindruck, dass man mit dem Sehen des Filmes ein besseres Verständnis für die Cyber-Begeisterung der 1990er Jahre gewinnen kann, mehr aber auch nicht.  Ein Fim so anregend und spannend wie der Wetterbericht. Mach´s gut, Johnny.