Revolution im Museum: Teheran

Zu den großen Fragen der Museumswelt gehört klassischerweise jene danach wie in nicht-westlichen Ländern bedeutende (historische) Gegenstände, Inhalte und wichtige Zusammenhänge präsentiert werden. Doch nur gelegentlich und meist in global bedeutsamen Zusammenhängen, sei es die Eröffnung eines aufsehenerregenden Baus oder die Finanzierung großer (Kunst-)Projekte, wird dies aufgebrochen. Als Museumsinteressierter oder -Mitarbeiter erfährt man nur selten etwas darüber wie man sich einen typischen Ausstellungsbesuch in Chengdu, Moskau oder Mumbai vorzustellen hat. Dem werde ich in den nächsten Beiträgen begegnen und anhand einiger asiatischer Beispiele zwischen Teheran und Tokio erläutern was sich im jeweiligen Fall hinter dem so schwammigen und dehnbaren Begriff „Museum“ verbirgt. Wie werden Schwerpunkte gesetzt, welche Aspekte spielen keine Rolle. Oft wird es auch das jeweilige Alleinstellungsmerkmal gehen, sei es der authentische Ort, der behandelte Inhalt oder dessen Präsentation.

Den Anfang soll ein Besuch im „Museum der Islamischen Revolution und Heiligen Verteidigung“ im Herzen Teherans machen. Wie schon über den Namen deutlich heraussticht, widmet sich das riesige Haus den Jahren 1980 bis 1988, die oft auch als „Erster Golfkrieg“ bezeichnet werden und die im Wesentlichen die leidvolle Auseinandersetzung zwischen dem Irak und Iran umfassen. Das Entstehen der zu Kriegsbeginn noch sehr jungen, 1979 gegründeten „Islamischen Republik Iran“ spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle bzw. kann bei den meisten Besuchern vorrausgesetzt werden. Dies zeigt sich nach den ersten Schritten auf dem weitläufigen Gelände, denn nur die wenigsten Besucher sind auf eigene Faust und spontan unterwegs: Gruppen von Soldaten wandern erstaunlich vergnügt an uns vorbei, begleitet von Geistlichen. Zahlreiche Schulgruppen sind unterwegs, sichtlich froh über einen Tagesausflug. Wenig bedrückend oder ehrfurchtsgebietend ist der erste Eindruck.

Blick auf Teheran

Die Ausstellung versammelt im Außenbereich vor allem zahlreiche Original-Exponate der Kriegszeit, die meist wieder in Stand gesetzt wurden. Ohne weitere Erläuterungen vermitteln sie den Eindruck einer stillen Reserve, vor allem jedoch werden sie von den Besuchern als Selfie-Kulisse genutzt, scheinbar unabhängig von ihrer historischen Bedeutung. Panzer, Helikopter und Schiffsmodelle sind in erster Linie „cool“ und können sogar berührt werden. Eine Ausnahme bildet eine Abteilung mit eingehausten Autos. In Sichtweite und doch etwas abgelegen, entpuppen sich diese bei genauerer Betrachtung als originale Überrest von Bombenanschlägen. Auf metallenen Tafeln werden in knappem und gleichsam holprigem Englisch die Daten und Umstände vermittelt und vor allem die Namen der Opfer genannt. Zahlreiche Forscher des Atomprogramms sind unter ihnen, Funktionäre des Regimes nicht. Hier geht es um die Darstellung des erfahrenen Unrechts vor allem durch westliche Geheimdienste. So frappierend konkret und real in diesem Augenblick jene historischen Episoden werden, die gewohnheitsmäßig nur eine Nachrichten-Meldung unter vielen sind, so wenig kann ich, obwohl ich es mir wünsche, darauf vertrauen, dass die Täterzuschreibungen richtig sind. Und selbst wenn sie das Recht haben sollten in dieser Fülle, die einen Besucher für die Seite Irans einnehmen muss, präsentiert zu werden…. Es bleibt das ein komisches Gefühl. Ich muss mich endscheiden, westliche Vorstellungen wenn nicht zu ignorieren, so doch auszusetzen da mit ihnen kein sinnvolles Weiterkommen möglich ist. Es droht mir der Kopf zu schwirren. Und dann taucht es auf. Das Wort.

Märtyrer

Hier wie auch im weiteren Verlauf des Besuches fällt auf dass Opfer-Erzählungen vermieden werden sollen. Vielmehr werden Kämpfer, Gefallene und Betroffene im Kontext der gemeinsamen Anstrengung des Krieges, der Verteidigung und schließlich des nationalen Stolzes stets als „Märtyrer“ bezeichnet. Gefallen im Sinne Allahs und des Irans. Die Aufhebung der klassischen Unterscheidung von Kämpfern und Zivilisten wird, eine klare Folge der „Islamischen Revolution“, damit aufgehoben. Nur der Beginn der Kampfhandlungen weist den Nicht-Kämpfern eine Rolle als ohnmächtig Betroffene zu. Im weiteren Verlauf der Darstellung hingegen setzen sich Motive der Leidensfähigkeit, der moralischen Richtigkeit und des religiösen Kontextes, der vor allem durch Zitate Geistlicher nachgezeichnet wird. Dies geht sogar so weit, dass Besucher durch Heldengalerien und paradiesisch anmutende Hallen wandern. Dies alles derart in einer Ausstellung präsentiert zu bekommen, hinterlässt Verwirrung und einen faden Beigeschmack. Denn das Fehlen politischer Kontexte lässt uns als westliche Besucher ratlos zurück. Während zahllose Operationen des Krieges minutiös in ihrem Verlauf und zum Teil naturalistisch mit teils drastischen (Puppen-)Ensembles dargestellt werden, bleibt die innere Radikalisierung des Irans im Dunkeln. Umgekehrt wird auf die Leistungen Einzelner in vermeintlicher Vertretung für die Allgemeinheit, die Motive Saddam Husseins sowie das wiederholte Versagen der Vereinten Nationen hingewiesen. Ein wenig überraschend bedeutet dies für die Ausstellung, dass dem geistlich-konservativen Regime wenig Raum gegeben wird sich selbst (positiv) zu präsentieren. Der Iran, er ist in dieser Ausstellung wie auch im Alltag, in erster Linie eine Gemeinschaft. Stolz, verbunden und wehrhaft. Und keineswegs ein Land, dass nur dadurch geprägt ist, dass es eine „Islamische Republik“ ist. Ein Punkt, der außerhalb der Museumsmauern ständiges Gesprächsthema ist und innerhalb zumindest Eingrenzungen bewirkt zu haben scheint.

Nur eines fühlt sich trotzdem komisch an. So erfolgt  über einen Kniff, die beschriebene Überhöhung des Heiligen Krieges und seiner Märtyrer in entsprechendem ästhetischem Gewand – die goldene Maschinenpistole, stilisierte Waffenensembles, Anleihen an den Koran – eine klare historische Anbindung, die ihre Wurzeln in den 1970/80er Jahren hat. Doch deren unerklärte Wirkung auf die vor allem jüngeren Besucher lässt sich nur schwer abschätzen. Auch hier fehlen die Erläuterungen zur Instrumentalisierung bestimmter Inszenierungen vonseiten des Regimes während des Krieges. Und so werden auch hier die Zeugen der Gewalt zu Selfie-Gelegenheiten, die einfallsreich inszeniert dargeboten werden. Die Gestaltung reicht sogar soweit, dass selbst funktionale Gegenstände und Shop-Items historischenArtillerie-Granaten und ähnlichen Kriegsgegenständen ähneln und das Bild abrunden: Der Krieg ist tatsächlich überall, wird über Bilder, Zeitzeugnisse, Grafiken und Videos gezeigt und gewinnt im Verlauf des Besuchs abstruserweise eine gewisse Art der Normalität. Dazu passt auch, dass das Erzählte nicht verknüpft wird mit Aufrufen oder aufgeladenen Verweisen auf die Gegenwart. Vielmehr zeigt sich nach längerer Zeit des Aufenthaltes, dass die meisten Besucher die Ausstellung als Anstoss zur Erinnerung verstehen. Als iranische Geschichte, die viele Familien durch den Verlust eines oder mehrerer ihrer Mitglieder noch heute prägt und von denen nicht offen, sondern in intimen Kreisen offen gesprochen wird. Als Verlust. Und voller Trauer.

Museums-Shop

Der Besuch erfolgte am 24. September 2018.

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