Frankreich im Jahr 2000 (um 1900)

Die Jahre um 1900 können als Beginn einer ersten Phase der (technizistischen) Zukunftserwartung gesehen werden. Nicht so sehr aufgrund der phantastischen Dimension, die gab es bereits zuvor, wie wir sehen werden. Neu war, dass die Vorstellungen über die Zukunft ihre Dimensionen nicht über das Weltall erweiterten, sondern auf eine alltägliche Perspektive zuschnitten. Waren Erzählungen der Frühen Neuzeit noch vorwiegend für einen sehr beschränkten Kreis an Rezipienten gedacht und hoben auf ethische Überlegungen der Gerechtigkeit und einer idealen Gesellschaft ab, ergab sich im 19. Jahrhundheit durch das Spannungsverhältnis zwischen der expliziten Phantastik vom Schlage Jules Vernes und den gesellschaftsfokussierten Zuschnitt vor allem sozialistischer Entwürfe ein aufzufüllender Zwischenraum. In Politik, Architektur, Städtbau und anderen Feldern stellte sich damit immer öfter die Frage nach Teilhabe und damit die Frage nach dem Nutzen (oder Schaden) des Einzelnen. Die Antworten auf diese Frage fielen oft humoristisch aus und vermieden eine tatsächliche objektive Auseinandersetzung. Vielmehr standen Unterhaltung und die Stellungnahme zu gegenwärtigen und zukünftigen Trends im Zentrum des Interesses.

Als Beispiel für eine solche Antwort sei hier die Bilderreihe „France en l´an 2000“ vorgestellt und als frühe Zukunftsvision in den Kontext gerückt. Die Reihe mit dem klingenden Namen wurde von Jean-Marc Côté zwischen 1899 und 1910 herausgegeben und sollte sich, so der Plan,  auf Zigarrenpackungen, Postkarten und anderen kleineren Print-formaten finden. Sollten, da die auftraggebende Firma nie dazu kam, sie zu veröffentlichen und bankrott ging. Aus dem im Zusammenhang mit der Begeisterung für die nahende Welt-Ausstellung von Paris im Jahr 1900 aufgekommenen Projekt, wurde nichts. An die Öffentlichkeit gelangten die Bilder erst durch einen Zufallsfund von Isaac Asimov, selbst eine moderne Größe der Science-Fiction, der sie später in einem Buch abdrucken ließ. Weitere Informationen zum Künstler oder den Bildern existieren leider nicht. 

Getragen durch die zunehmende Technik-Begeisterung der Industrialisierung und zunehmenden Spezialisierung anderer Branchen (Chemie, Elektro, Militär,…) und unter regelmäßigem Aufkommen sozialer Fragen von Gerechtigkeit, Gesundheit und Gesellschaft, hatten die ersten „Fantasy-Romane“ sich immer größeren Fragen gewidmet. Waren auf den Grund des Meeres gereist und auf die Oberfläche des Mondes. Gleichzeitig besaßen andere (bildliche) Traditionen, allen voran die politische Satire, bereits eine lange Vorgeschichte. Das hieß, dass dem Publikum sehr wohl bewusst war, dass man es mit Übertreibungen und zum großen Teil selbstgenügsamen Denk-Spielen zu tun hatte und weniger mit authentischen Modernitäts-Ansagen. Dies sollte sich erst grundsätzlich nach dem Zweiten Weltkrieg ändern. Im Zusammenhang mit anderen Darstellungen der Zeit werde ich dazu in zukünftigen Beiträgen noch Einiges festhalten.