„Playtime”, 1967

Kontext

Die 1960er Jahre läuteten die Hoch-Phase technologischer Machbarkeitserwartung ein. Im Nachgang zum Großprojekt Mondlandung und unter Verarbeitung der modern-technologischen “Stunde Null”, der Entwicklung der Atombombe, sprudelten die Visionen einer grandiosen Welt von Morgen, nur so aus den Experten. Diese hielt an bis zur Auseinandersetzung mit der Frage wie mit der Antibabypille umzugehen sei und der Verschiebung der Aufmerksamkeit auf ökologische Fragen. In Reaktion entwickelten sich sensiblere und vor allem begrenztere Visionen, die sich jeweils auf ein bestimmtes Themenfeld konzentrierten und nicht mehr darüber nachdachten, Gesamtbilder von Gesellschaften, Probleme und Lösungen zu entwerfen. Auch der Ton in dem in der Folge von der Zukunft gesprochen wurde, wurde entsprechend dunkler. Genau in diesen interessanten Zeitraum entstand Mitte der 1960er Jahre Jaques Tatis Film “Playtime”. Er griff wesentliche Inhalte auf, die von Apologeten der sich formierenden “Futurologie” wie Alvin Toffler propagiert wurden, fand aber einen spielerischen Ton, der einzigartig war – und ist – und trotzdem auf Probleme hinwies. In einer rhythmischen Darstellung, die nicht zufällig an “Moderne Zeiten” von 1936 erinnerte, führte Tati in einem dezent  futuristischen Paris tänzerisch-leichtfüßig vor, in welche Richtung die westliche Welt und im Speziellen Frankreich, dabei war, zu driften. Erstaunlich ist, dass die Inhalte über weite Strecken auch heute noch hochaktuell sind, wie ich hier zeigen möchte. Doch das ist nur einer der Gründe, warum ich den Film hier vorstellen – und empfehlen – will.

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Architektur-Ausdruck der Moderne - der Bürokomplex

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Die Handlung

Das Geschehen ist recht schnell umrissen. Der Film setzt am Flughafen von Paris ein und wir folgen einer Touristin und ihrer Gruppe auf der Fahrt in die Stadt. Dort angekommen ändert sich der Fokus und ein Geschäftsmann, gespielt durch den Regisseur selbst, auf dem Weg zum Termin, steht im Mittelpunkt. Obwohl er die Adresse kennt und seinen Weg findet, schafft er es doch nicht, den Termin wahrzunehmen. Vielmehr gelangt er von einer absurden Situation in die nächste, wobei dies immer durch die für selbstverständlich gehaltenen Rollen der handelnden Personen bedingt ist. Doch dazu später mehr. Auf seinem Weg verirrt er sich zunächst im Gebäude und gelangt schließlich, wie auch die (tages-programmgeführte) Touristin, über Umwege zu einem Restaurant, das gerade eröffnet wird. In dieser letzten Szene, der längsten des Filmes, führt Tati seine inszenatorischen Griffe zu einer dichten Szene zusammen. Die beiden Schlüsselcharaktere kommen miteinander ins Gespräch. Auch eine Art Anbindung an die soziale Welt der „normalen Leute“ geschieht, indem sich hier im Zuge einer hoffnungslos komplexen, prozessual organisierten Veranstaltung, erst ein Höhepunkt und in der Folge heilloses Durcheinander ergibt. Erst dieses Kollabieren des Systems „chices Upper-Class-Restaurant“ ermöglicht es den handelnden Personen, sich tatsächlich menschlich zu verhalten. Sie lachen, Sie trinken, sie tanzen und scherzen. Und als sie schließlich verkatert einen Morgenimbiß zu sich nehmen, ist die Volksfests-Gesellschaft, selig – und löst sich auf. Das Sinnbild findet diese soziale Schlussemphase mit dem Geschenk, dass der Geschäftsmann der Touristin kurz vor ihrer Abreise macht: Ein Kopftuch von Paris.

Pacing:

Der Film nimmt nur allmählich Fahrt auf und lässt sich Zeit mit den verschiedenen Aspekten der bürokratischen, kapitalistisch-konsumeristischen Gesellschaft. Schritt für Schritt werden und sehr präzise,  werden die betrachteten Menschengruppen größer und vorgeführt. Es ist definitv einer der Vorzüge des Filmes, dass der Regisseur nie nachläßt diese Struktur zu erhalten. Das gibt dem Betrachter Zeit, die zahlreichen Kleinigkeiten aufzusaugen.

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Kleinigkeiten: Das Kommen (rechts) und Gehen (links) der Touristen - man beachte die Hüte

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Gleich und blind füreinander - die Angestellen in "PlayTime"

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Die Umsetzung

Diese Kleinigkeiten und Besonderheiten der Welt von “PlayTime”, die sich auf fast jeden Aspekt des Alltag beziehen,  machen den Film erst wirklich interessant. So kennt seine Welt, der neue global-urbane Funktionsdschungel vor allem keine klare Sprache. Kaum verstehen wir als Zuschauer was gesagt wird,kriegen Deutsch- Französisch- oder Englischfetzen mit.  Das stört jedoch erstaunlich wenig, da wiederum jede Situation einen engen Spielraum der möglichen Äußerungen beinhaltet. Erst die Unachtsamkeit und/oder Betriebsblindheit der Beteiligten, macht es möglich, dass Missverständnisse entstehen. Hinzukommen die zahlreichen Attribute, die Tati  hinzufügt, damit wir sie zuordnen können. So gibt es die Touristinnen mit ihrer Liebe zur Romantik – samt Handkamera. Die Männer in den Uniformen der neuen Globalisierungswelle (Angestellte, Geschäftsmänner) stehen vom Äußeren und dem Verhalten in krassem Widerspruch zum traditionellen Frankreich (Handwerker). Und auch die Kellner werden in ihren Rollen überraschend klar definiert und man sieht, wer wofür zuständig ist – und bekommt die vielen kleinen Ausweich- und Kontrollversuche mit. Die sprachlichen Äußerungen orientieren sich ebenfalls am gesellschaftlichen Status. Während einer der englischen Geschäftsmänner, der das Lokal kurzerhand kauft, angetrunken englisch spricht, sind die Kellner zur nonverbalen Kommunikation verdammt.

Die Highlights

Der Film besitzt mehr kleine Höhepunkte, als sich an dieser Stelle sinnvoll nennen und erläutern ließen. Auch hier seien aber drei herausgegriffen. Definitiv ein Genuß und zugleich eine kleine Geduldsprobe ist die Ankunft des Geschäftsmannes im Bürokomplex. Hier wird er vom alten Portier gebeten, Platz zu nehmen, während er sich darum kümmert, die Information weiterzugeben. Minutenlang erleben wir, wie er voller Hingabe versucht sich des hochmodernen und effizienten Systems zu bedienen, es zu falschen Eingaben kommt -und das Ganze schließlich an der zwischenzeitlichen Ablenkung des Geschäftsmannes scheitert.

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Das Alter und die neue Technik, der Portier vor dem System

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In einer folgenden Szene sehen wir ihn durch den anonymen Bürokomplex laufen, auf der Suche nach dem Ausgang, immer wieder verpasst von einem Angestellten. Und werden mit ihm Zeuge wie zwischen ca 22 Kuben bürokratische Prozesse hin- und herwandern. Akten verlassen den einen, werden in einem anderen abgelegt. Es wird miteinander telefoniert ohne, dass die Nähe eine Rolle spielt. Die Auflösung von räumlichen Abhängigkeiten vor Augen führend, arbeitet jede dieser Zellen nur auf die eigene Aufgabe hin. Nur selten ist im Alltag der gezeigte Blick möglich, der zur Desorientierung des Mannes dazugehört, der mit seinem Anliegen – der Frage nach dem Weg – nicht durchdringen kann und im Gegenteil an diesem Ort recht schnell für einen Mitarbeiter gehalten wird.

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Die Bürokratie der neuen Zeit - undurchsichtig komplex

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Das dritte Highlight stellt die Restaurant-Szene dar, da Tati in ihr alle gezeigten und angedeuteten Zusammenhänge zwischen Menschen verdichtet und an ihr systemisches Limit treibt. Nicht nur wird das Restaurant mit der Ankunft der ersten Gäste gerade erst notdürftig fertiggestellt. Es gibt auch an verschiedenen Ecken und Kanten Probleme. Probleme, die jedoch nicht mit Empathie und offenem Eingeständnis angenommen werden. Stets versuchen die Kellner und ihre Vorgesetzten die Illusion eines perfekt organisierten Events und Systems zu erhalten. Auch dies ergibt einige Momente der Absurdität, da die ganze Belegschaft recht schnell dazu übergehen muss, der Verwirrung Einhalt zu gebieten anstatt sich tatächlich mit Hingabe den Gästen zu widmen. Und so wird jeder Mangel durch Flickwerk bewältigt, was die Sitation – zusammen mit den zunehmend betrunkenen Gästen – zum offenen Chaos treibt.

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Das System zerfällt im organisatorischen Chaos - freier Raum für das Soziale

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Was ist Absurdität? – oder die Frage nach dem Tanz mit komplexen Systemen

Wie bereits angedeutet wurde, stellt der Film wiederholt die Frage nach der Absurdität des Gezeigten und gibt sie clever an den Zuschauer weiter. Dieser muss entscheiden, welche Facette des Verhaltens er als fehlplatziert interpretiert. Vor allem die Mitte des Filmes steht zwischen den Versuchen,  die Verhältnisse sehr formal zu definieren und dem „Zerfall“ in das spontan Soziale gegen Ende des Filmes. Viele Kleinigkeiten tragen dazu bei, dass sich ein sehr dichtes Bild von der westlichen Gesellschaft und der entsprechenden akademischen Reflexion dieser Jahre ergibt. Denn während diese Grundspannung sich durch den gesamten Film zieht, tauchen immer wieder Versatzstücke auf, die in beide Sphären hineinreichen. Das betrifft vor allem den Umgang der Geschlechter miteinander bzw. die Darstellung ihres Verhältnisses. Wie auch andere Personengruppen werden Frauen im Film klar einer Gruppe zugeordnet und sind entweder Touristinnen, Käuferinnen oder Ehefrauen. Männer sind Angestellte, Handwerker – oder eben Ehemänner. Auch besagte Geschenk des Geschäftsmannes wird von der Touristin nicht nicht als romantische Geste verstanden, sondern schlicht als passend für das Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau, die für kurze Zeit gemeinsam an einem Ort gewesen sind, verstanden. Bemerkenswert ist, dass wir als Zuschauer gar nicht erfahren, wie der anonyme Herr das aufnimmt. Auch diese Vorstellung, dass seine Motivation gar nicht emotionaler Art gewesen ist, kann man als absurd verstehen. Immer wieder geht es im Verlauf von 2 Stunden um die Frage, welche Grenzen sozial ausgehandelt werden können und welche im Vertrauen auf das Funktionieren eines entstehenden, hochkomplexen Organisationszusammenhangs einfach hingenommen werden müssen. Ein Thema, das auch heute noch regelmäßig aufgegriffen wird, jedoch im Gewand dunkler Verschwörungsorganisationen präsentiert wird. Heute sind es meist Einzelkämpfer, die in einem sehr einfachen Konflikt gegen „das System“, eine bestimmte Technologie oder „die Ausbeutung“ kämpfen. Eine Einfachheit, die PlayTime glücklicherweise fehlt. Dieser begnügt sich mit dem Tanz im dargestellten Zusammenhang organisierter und sozialer Menschen, was unterhaltsamer und anregender zugleich ist.

Fazit

Ein Film wie ein kleines Fest mit so vielen kleinen Untertönen und Seitenhieben, dass es einfach nur Spass macht zu zusehen. Jede Szene erzählt ihre Geschichte und trägt etwas zum leicht schrägen Bild einer arbeitsteiligen Gesellschaft bei. Ohne zynisch zu werden, werden die Menschen in ihren Funktionen und ihren daraus entstehenden Zusammenhängen gezeigt  und genug Raum für die Gedanken des Zuschauers gegeben. Gleichzeitig steckt in ihm soviel, dass man ihn schlicht nicht nur einmal sehen kann, um Alles mitzubekommen. Ein kleines Fest mit ganz viel Inhalt.

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In "PlayTime" nur eine Projektion touristischer Wünsche - der Eiffelturm

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