„Panic in Year Zero!“, 1962

Zu den authentischen Darstellungen des menschengemachten Weltuntergangs gehört der Film „Panic in Year Zero!“ aus dem Jahr 1962. Er schildert die Ereignisse, die sich im Zuge eines Angelausflugs einer typischen Kleinfamilie, der Baldwins, entspinnen. Gerade mit dem Auto durch die frühen Morgenstunden unterwegs, wird diese Zeuge der nuklearen Zerstörung von Los Angeles. Und es wird klar, dass es um das nackte Überleben geht und dem Familienvater die Führung zukommt. Er übernimmt die Rolle des Realisten und macht der Familie klar, dass es kein „Zurück“ mehr gibt.

We can start with one basic fact. Us. We are still alive. And Others.

Im direkten Verweis auf den Titel, der bald folgt,  wird deutlich, dass alles was nun kommen wird, vom Ende des Alten her gedacht werden muss. Das ist gerade für deutsche Zuschauer spannend, da die Referenzpunkte des Jahres Null hier nicht nur auf der christlich-erlösenden Ebene liegen, sondern auch auf das zuvor als „Neuanfang“ bezeichnete Ende im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, die Stunde Null, anspielen. Mit dem atomaren Ende, so scheint es, hat sich die Menschheit erneut in eine Situation des vollständigen Neuanfangs gebracht, die jedoch selbstgemacht und global ist und keine Unbeteiligten hinterlässt. Ähnlich hatte „On the beach“ im Jahr 1959 das Szenario behandelt. Ton und Geschichte ließen den betroffenen Personen jedoch von Beginn an keinerlei Spielräume. Das Ende, so wussten alle, war bereits geschehen – und sie nur Überbleibsel der ausgelöschten Spezies Mensch, dazu bestimmt Zuschauer des Untergangs zu werden. Aber wie schildert „Panic in the Year Zero“ das „Jahr Null?“ Was hält die Zukunft bereit für die amerikanische Vorzeige-Familie Baldwin? Hier die Schlüsselszenen:

1. „My mother didn´t raise me to be a hero!“

Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass der Vater, Harry Baldwin, die Familie aus den schnell anhebenden Verteilungskämpfen raushalten will und immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, ob und wie er zur Gewalt greifen wird. In einem Streit mit seiner Frau, die noch an das Weiterbestehen der Zivilisation glauben will, macht er ihr klar, dass nun jeder für sich ums Überleben kämpfen muss. Und zwar auch, damit Menschen wie sie, die er als integer (und amerikanisch!)  begreift, „danach“ dabei sein können, um eine lebenswerte Zukunft zu schaffen.
Die Familie stattet sich mit einer Menge Lebensmittel und Waffen aus und will in die Natur flüchten, weit weg von den im Chaos versinkenden Menschen.

In diesem Zusammenhang kompromittiert sich der Vater das erste Mal, indem er die entsprechenden Verkäufer im Dunkeln darüber lässt was passiert ist. Er setzt sein und damit das Wohl seiner Familie an die erste Stelle. Umso mehr, als er, um an Waffen zu kommen, den Verkäufer bedroht. Zwar will er diesem deutlich machen, dass dies eine Notsituation ist und appeliert damit an die zwischen-menschliche Empatie. Doch: Für ihn ist er “nur ein Dieb!” Zugleich belastet er das Vehältnis zu seiner Frau, die nicht glauben kann, wie schnell er sich auf die Situation einstellt und offenbar jede Sympathie gegenüber Anderen in sich erstickt. Die Szene kommt als kleine Überraschung daher, vor allem da die Gewalt unvermittelt und dosiert vom Vater eingsetzt wird. Er tut was getan werden muss.

Der Vater, Harry, bedroht den Verkäufer um an Waffen zu gelangen.
"I owe you 200 Dollars" - "No matter what you say - to me, you are just a thief!"

2. “I want you to use that gun. But I want you to hate it!”

Auf dem weiteren Weg wird die Familie überfallen und nur durch einen Schuss des Sohnes behält die Familie die Oberhand. Zwar bestärkt der Vater seinen Sohn darin, das Richtige getan zu haben. Als er jedoch merkt, dass diesem die Vorstellung gefällt, gewissermaßen Cowboy spielen zu können, weist er ihn zurecht. Es sei kein Spiel und Gewalt nur das Gebot der Stunde. Bald darauf richten sich die Baldwins in einer Höhle ein und versuchen ein Mindestmaß an Normalität zu erzeugen, dass auf Routine und den “Zivilisationswerten” aufbaut. Auch, so Harry, um die Verbindung zur Realität nicht zu verlieren. Doch innerhalb kürzester Zeit wird klar, dass diese nur gespielt sein kann. Der zuvor bedrohte Händler taucht auf und wird erneut abgewiesen. Über das Radio erfahren die Baldwins vom allgemeinen Kriegszustand. “There are no civilians!” Das Ende aller Normalität ist gekommen.

Die Familie aus "Panic in Year Zero" betet in der Höhle.
Unter der Erde in letzter Solidarität vereint, betet die Familie für bessere Zeiten.

American International Pictures

3. “There must be some good people left.”

Das letzte Drittel wird eingeleitet durch die Suche nach den Johnsons. Es stellt sich jedoch heraus, dass das Paar ermordet wurde. Als kurz darauf zwei der jungen Männer, die bereits am Überfallversuch beteiligt waren, versuchen die Tochter zu vergewaltigen, machen sich Vater und Sohn auf den Weg, um Rache zu üben. In einem vereinnahmten Haus erschießt Harry ohne Diskussion die beiden Männer und nimmt sich der ehemaligen Bewohnerin an. Kaum zurück, plagen ihn – in den Augen des Zuschauers reichlich spät! – Zweifel über sein Handeln. “I look for the worst in others and found it in myself.” Dann geht alles recht schnell. Gerade als die Gruppe versucht so etwas wie Normalität herzustellen, erfahren sie über das Radio von eingerichteten Zentren. Doch der Vater entscheidet sich gegen den riskanten Weg. Erst als der Sohn vom einzigen überlebenden des Verbrecher-Trios angeschossen wird, brechen sie die Zelte ab. Der Film endet, ein wenig unvermittelt, in den sicheren Armen der Armee.

Harry erschiesst in "Panic in Year Zero" die beiden Jugendlichen
Ohne Zögern erschiesst Harry die beiden Jugendlichen.

Fazit

Vor allem das erste Drittel von “Panic in Year Zero!” hat auch heute noch Sogwirkung. Das Szenario ist beklemmend realistisch und auch die Darsteller tragen dazu bei, dass die Gespräche und Handlungen tatsächlich authentisch wirken. In Bestätigung der Eckpfeiler des American Way of Life tauchen die Motive der Religion, Selbstverteidigung mit letzten Mitteln sowie des Wertes einer moralisch integren Gesellschaft auf. Während andere Filme wie “On the beach” auch Fragen nach technologischer Beherrschbarkeit und dem Sinn eines Wettrüstens stellen, konzentriert sich “Panic in the Year Zero” auf die Handlungsebene der unmittelbaren Zeit danach. Ein wichtiger Punkt ist aber, dass kaum Fragen nach den Gründen nach der Beinahe-Auslöschung gefragt wird. In diesem kühlen Szenario gibt es keine Überraschung, Zweifel über die Menschheit oder Fragen zum Sinn des Lebens in einer solchen Welt. Das merkt man als Zuschauer vor allem während des letzten Drittels, dass noch einen Schritt weitergeht und kurz davor ist, die Schwelle von der Katastrophenerzählung zum Familiendrama zu überschreiten. Und so endet der Film erstaunlicherweise mit dem Eindruck, dass nun tatsächlich ein Neuanfang möglich ist. Der nukleare Holcaust, so scheint es, beginnt bereits zu einem vergangenen Ereignis zu werden, das man hinter sich lassen kann. Man beachte: Die Ereignisse des Filmes spielen sich offensichlich innerhalb weniger Tage ab. Dieser Ausklang, der in heutigen Augen gut in die damaligen Argumentationen von Duck-and-Cover passt, suggierte damit falsche Überlebenschancen und spielte die Gefahr herunter. Nach knapp 80 Minuten kommt dies irgendwie als Enttäuschung daher.

Ein Film mit guten Momenten, der leider auf halber Höhe los lässt. Zu sehr geht es tatsächlich nur um die Familie, zu wenige Momente des Zwiespalts gibt es, die Fragen aufwerfen könnten. Und ein Ende, dass zu sehr als Happy End daherkommt. Aber schon wegen seiner ersten Hälfte sehenswert.

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Zum Ende gibt es sogar noch eine weitere Up-Beat-Note: "Es wird schon wieder werden."
Trailer zum Film "Panic in the year Zero"