“Briefe eines Toten”, 1986

Das Jahr 1986 konfrontierte den Ostblock und die Welt in Tschernobyl mit der befürchteten Nuklear-Katstrophe.  Aufgrund widriger (menschlicher) Umstände, explodierte der Reaktor, der in der Folge eine europaweit messbare Strahlendosis freigab und weite Teile der Bevölkerung in Unruhe versetzte. Doch das Unglück beschwor mehr als nur die konkreten Grenzen der technischen Beherrschbarkeit. Auch allgemeine Fragen nach der Sinnhaftigkeit eines “Spiels mit dem Feuer”, erhielt neuen Auftrieb. Was noch könnte schief gehen? Was, wenn doch eimal Atomwaffen zum Einsatz kommen sollten? Der Fehler eines Einzelnen als Bedrohung Aller? Wie würde eine atomar versuchte Welt aussehen?

Erstaunlich bald auf diesen Schock kam im Jahr darauf mit “Briefe eines Toten” ein Film in die Kinos, der ganz klar und grauenhaft zeigte, welche Welt die Menschheit im Begriff war zu schaffen bzw. zu zerstören. Immer nur die Endscheidung eines Einzelnen vom Abgrund entfernt, werden in ihm Überlebende gezeigt, die versuchen zu verstehen was passiert ist. Und die über die Gründe für und den Umgang mit diesem tatsächlich stattfindenden Ende der Welt diskutieren, streiten – und verzweifeln. Zwar bleibt der tatsächliche Hergang der Katastrophe im Dunkeln, doch erfahren wir, dass auch hier ein Zusammenspiel aus technischem Automatismus und menschlichen Versagen war. Doch konnte ein solches Unglück überhaupt auf die Verantwortung Einzelner zurückgeführt werden? Hatte, anthropolgisch betrachtet,  ein immer dagewesener Drang zur Selbstvernichtung den Menschen nun tatsächlich eingeholt?  Dies sind die großen Fragen, die im Film immer wieder behandelt werden. Grund genug, um zu schauen ob er auch für heutige Zuschauer Relevanz besitzt.

Die Handlung

Die Handlung fällt, den Umständen entsprechend einfach aus. Der Zuschauer folgt kurz nach der Katastrophe einem älteren Professor, der seine im Sterben liegende Frau pflegt. Wir begleiten ihn, wenn er versucht Schmerzmittel gegen Essen einzutauschen, eine Bibliothek besucht und sich einiger Kinder annimmt, die aufgrund einer Verstrahlung ausgeschlossen sind von der anlaufenden Evakuierung in einen Sicherheitsbunker, in den sich die Menschen für Jahrzehnte zurückziehen werden.

Der namenlose Professor aus dem Film "Briefe eines Toten"
Der namenlose Professor

Mit ihnen verbringt er auch die letzten Momente seine Lebens. Das dramaturgische Gerüst bilden jedoch die Briefe, die er an seinen Sohn schreibt sowie seine mal zu sich selbst, mal offen ausgesprochenen Zweifel und Hoffnungen über das Weltende äußert. Bis zuletzt kehren diese immer wieder zurück. Gegen Ende des Filmes stirbt der Professor, das Sprachrohr der vermeintlich blinden Hoffnung und lässt die Kinder zurück. Sie machen sich auf die Reise um einen Weg aus der Katastrophe zu finden. Dem Zuschauer ist es überlassen, sich vorzustellen wohin sie gehen. Realistisch betrachtet muss klar sein, dass auch sie dem Ende entgegengehen. Doch schwingt auch die Hoffnung mit, dass es doch noch Hoffnung gibt. Wie bereits angedeutet, beschreibt der Film im Wesentlichen die Auseinandersetzung mit dem gerade stattfindenden Weltuntergang. Vor allem drei werden ausführlicher erläutert und zeigen die Extreme von Menschenliebe und völligem Fatalismus sowie den dritten Weg des Professors, der bis zuletzt daran festhält, beides zusammenhalten und für sich wie die Menschheit bewahren zu wollen. In seinen Briefen an den verstorbenen Sohn schildert er seine Gedanken, in der Hoffnung, aus ihnen Kraft  zu schöpfen und eine neue , dann vergangene, aber verstehbare Vergangheit zu konstruieren. Zwar wird er, wie er bald spürt, auch sterben. Bis zuletzt hofft er jedoch mit seinen Briefen erklären zu können wie es gewesen ist. Und, dass er gewusst hat, dass dies nicht das Ende sein kann.

Der Mensch – ein “eingebildeter, intelligenter Affe”

Zu Beginn des letzten Drittels, dass den entgültigen Kollaps dieser kleinen Gemeinschaft erlebt, sehen wir einen Mitarbeiter, der seiner Sekretärin ein letztes Diktat an die Nachwelt zitiert. “Seien es Außerirdische oder Menschen, irgendjemand muss es ja finden.” Verbittert zählt er das Potenzial auf, dass dem Menschen gegeben war. Und dass er doch nur bis zum Abschussbefehl seiner nuklearen Selbstvernichtung entwickelte. Er prangert den Fortschrittswahn an und verliert sich in seinen Ausführungen. Gleichwohl gehört er später zu den Geretteten.

ein Museumsmitarbeiter zitiert einen Nachruf auf die Menschheit im Film 'Briefe eines Toten'
Misanthropie als letzte späte Rache.

“Ich habe die Menschen immer geliebt – und ich liebe sie immer noch.”

In der letzten gemeinsamen Szene aller Museumsmitarbeiter am Tisch erhebt sich einer von ihnen und beginnt in einem Gegenentwurf von Liebe, Kunst und der Einsamkeit zu sprechen. Er beschreibt den Menschen als “vor allem durch Tragik gekennzeichnete Spezies.” Doch keineswegs ist dies der Moment eines erhebenden Umschwungs, wie man dies als Zuschauer gewohnt ist, Vielmehr ergibt er sich dem Tod mit den Worten “In der Stunde des Weltuntergangs hat der Tod seinen Schrecken verloren.” Einzig um Verzeihung bittet er, bevor er sich zurückzieht, in das vorbereitete Grab legt und erschießt. Die Runde bleibt, ebenso wie der Zuschauer, sprachlos zurück.

Ein Museumsmitarbeiter aus dem Film 'Briefe eines Toten'
Letzte Worte eines Abschiednehmenden.

Ende – das Sterben von Wissenschaft und Hoffnung

Die letzte Gemeinschaft nach dem Aufbruch der Museumsmitarbeiter, die versuchen wollen in den Bunker zu gelangen, zeigt den Professor umgeben von den Waisenkindern. Er hat inzwischen abgelassen von seinem Plan aus der Wissenschaft Hoffnung zu ziehen und versucht stattdessen ihnen ein letztes Weihnachten zu schenken. Sie basteln sich notdürftig Geschenke und für einige Momente stellt sich alltägliche Normalität ein, die jedoch mit wenigen Sätzen verfliegt. “Man kann die Sterne nicht sehen.” In der letzten Szene vor dem Tod des Professors fragen ihn die Kinder, die gelernt haben, dass “Erwachsene lügen und nur die Wahrheit sagen kurz bevor sie sterben” ob er wirklich glaubt, dass dies der Unhtergang ist. Seine Antwort darauf vereint die zuvor aufgezeigten Perspektiven eines Vorwärtstriebes, der den Menschen wesensmäßig mitgegeben ist und ihn an Orte der Hoffnung und der Verzweiflung führen kann. Sie lautet:

“Wann immer die Menschheit im Aufbruch war, gab es auch Hoffnung.”

Letzte Szene aus dem Film 'Briefe eines Toten - Die Kinder laufen dem Horizont entgegen.
Die Kinder laufen dem nebligen Horizont entgegen.

Fazit

“Briefe eines Toten” ist realistische, schwere Kost und als solche, in den Achziger Jahren wie heute, eine Rarität. Kaum wird stilisiert, alle Bilder, die keine konkreten Auswirkungen des atomaren Infernos zeigen, wirken kühl. Die Menschen haben einander nichts mehr zu sagen, da das Geschehen die (noch) Lebenden zur Hoffnungslosigkeit verdammt. Inmitten dieses Untergang, den wir durch die Augen und Gedanken des Professors erleben, kommen immer wieder Fragen der Schuld und der Verantwortung auf. Während die durch eine verstrahlte Wolke vernebelte Menschheit sich unter die Erde flüchtet und damit das Ende ihrer Zeit akzeptiert, sehen wir den ihn, den Wissenschaftler und Protoyp des Wissenden, erst an einer fragilen Wahrheit und schließlich einer zerbrechenden Hoffnung festhalten. Zutiefst verstörend. Ein sehr einfacher Film. Ein sehr guter Film, der mit mehr Effekt gar nichts anzufangen wüsste. Seine Wirkung nach der Katastrophe von Tschernobyl kann nur schwer überschätzt werden.

Zum Film 'Briefe eines Toten' geht´s hier...
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