Entsammeln im Museum?

Eins der letzten Themen mit Museumsbezug, das eine größere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekam, war das der Entsammlung. Was zunächst nach einer Stilblüte bzw. verlegenen Wortneuschöpfung klingt, versucht eine Antwort auf das Dilamma des Museums zu sein. Obwohl die meisten Häuser (in Deutschland) erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und ihre formende Phase dann noch einmal verzögert erlebten, sind die Archive, Magazine und so manch vergessener Raum angefüllt mit Gegenständen jeder Kategorie. Dieser Altlast zu begegnen ist für Einrichtungen, die mit Steuergelder finanziert werden und damit immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen ihre Relevanz deutlich machen müssen, keine leichte Aufgabe.

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Denn was im privaten Haushalt gilt, lässt sich nicht einfach übertragen… So manches Exponat gewinnt erst durch die Spuren der Zeit/Benutzung seinen mitteilsamen und interessanten Charakter, was „kaputt“ heisst, wird entsprechend anders definiert. Ich möchte also an dieser Stelle ein wenig auf die Frage eingehen, nach welchen Kriterien und über welche Prozesse ein Entsammeln am Museum stattfinden kann bzw. sollte.

1. Die Ausgangslage:

Die meisten Häuser sind kaum in der Lage mehr als einen Bruchteil ihrer Exponate auszustellen. Dies war bzw. ist solange kein Problem wie Platz in Hülle und Fülle vorhanden ist. Meist schiebt dem jedoch die finanzielle Lage langfristig einen Riegel vor. Gleichzeitig besteht seit einigen Jahren und mit Beginn eines offenen Nachdenkens in vielen Museen noch immer die Angst, der Verantwortung als Bewahrer von Kulturgut und der oft ererbten/geschenkten/gestifteten Sammlung nicht gerecht zu werden, sollte man tatsächlich zur Tat schreiten. Spezielle Fälle in denen ein finanzielles Motiv unterstellt werden kann – oder gar treibende Motivation is – machen die Diskussion noch unübersichtlicher. Desweiteren ist der Fall, das ein Museum keine minutiöse Übersicht über seine Bestände hat, häufiger als man meinen sollte. Dabei reicht das Spektrum von Konvolutsansammlungen in denen durchaus geheime Schätze schlummern können bis hin zur reinen Rumpelkammer, die im schlimmsten Fall nach Jahren zeigt was hätte sein können. Quer zu diesen Problemen liegt die Unwissenheit über die Gegenstände. Oft ist weniges bekannt, oft nichts nachweisbar – und nicht selten gar der Gegenstand als Ganzes ein Mysterium. Also was tun?

2. „Deakzession“

ist mehr als „Entsammeln“ im Sinne eines Loswerdens. Allzu oft bedienen sich Medien allerdings des Mitarbeiters, der ohne rechtes Verantwortungsbewusstsein Dinge dem Verfall/der Entsorgung überlässt. Ein anderes Mal wird der Vorwurf des „Ausverkaufs“ erhoben. Daher an dieser Stelle die Differenzierung:

  • freiwilliges Geschenk an ein anderes Haus
  • Austausch mit einem anderen Haus
  • Rückgabe an den Spender/Stifter
  • (privat-) wirtschaftliche Veräußerung
  • Eigennutzung (Pädagogik, Restauration)
  • Zerstörung

Schnell wird hier klar, dass eine Menge möglich ist. Weggeben muss nicht Verzichten im allgemeinen Sinn bedeuten, sondern kann vielmehr die Möglichkeit der Konzentration auf Wichtiges eröffnen oder das Exponat an relevanter Stelle wiederauftauchen lassen. Die Rückgabe an den Spender ist natürlich eher selten und zeugt von einer früheren Fehleinschätzung weswegen sie schon im Vorfeld vermieden werden sollte. Hier braucht es vor allem bei kleinen Häusern Mut ein Angebot höflich auszuschlagen. Zudem sind umfängliche oder bedeutende Schenkungen nur selten ohne Bedingungen zu haben (Präsentation in der Daueraustellung etc.) und können sogar bis zur Überarbeitung der Ausstellung durchschlagen.

3. Welche Antworten gibt es?

Als wichtigster und gleichzeitig umfassendster Schritt kann die Enwicklung eines klaren Profils und Selbstverständnisses betrachtet werden. Denn hinter dem Zögern auf Sammlungsgut zu verzichten, steht die Angst des Relevanzverlustes. Noch viel zu stark ist in den Köpfen entsprechend quantitaves Denken verankert, das in 30 statt 20 „Kaffemühen in schlechtem Zustand“ tatsächlich eine intellektuelle Wohlstandsvermehrung sieht. (Um dem Missverständnis vorzubeugen: Damit spiele ich nicht auf restauratorische Aspekte an, die tatsächlich Gründe für die Bewahrung besagter Zwillinge und Drillinge geben können!) Denn ein Haus, dessen Selbstverständnis auf breiten, publikumswirksamen Ausstellungen basiert, muss notwendigerweise einen anderen, wohl eher sammlungsentkoppelten Standtpunkt vertreten, als eines, das an eine Universität angegliedert alle Eckpfeiler der Museumsarbeit im Auge haben muss. Auch das derzeitige oder gewünschte Besucherprofil spielt hier eine große Rolle. Vor allem viele Mitarbeiter haben schlicht keine konkrete Vorstellung davon für wen eigentlich kuratiert, präsentiert oder geschrieben wird. An dieses notwendige Verständnis schließt an, das auch die Sammlung konsequent mit den Erwartungen und Wünschen, die an sie gestellt werden, konfrontiert werden muss. Kann etwa ein sehr durchmischter Bestand sachgerecht aufgearbeitet werden? Oder stehen (im übertragenenden Sinn) neben den 500 frühneuzeitlichen Kupferstichen die 30 Tontöpfe der Schüleraktion von 1998 etwas verloren aus?

Damit lässt sich auch gleich auf den Punkt einer verbesserten und verstärkten Präsentation ansprechen. Viele Museen, allen voran die großen, gehen bereits den digitalen Weg und gewähren online Zugang auch zu ihrer „zweiten Reihe“. Dies läuft auf eine effektive Darstellung der eigenen Stärken hinaus. Gleichzeitig lässt sich das Verhältnis zu anderen Sammlungen besser einschätzen.SONY DSC

Um nun feststellen zu können ob etwas in die Sammlung gehört oder nicht, bedarf es natürlich nicht nur einer subjektiven ad-hoc-Einschätzung, sondern mehr oder weniger zeitaufwändiger Forschung. Dies ist leider ein nicht zu unterschätzender Flaschenhals, ist man doch froh, wenn wenigstens gelegentlich ein Mitarbeiter, im Zweifel ehrenamtlich oder auf Zeit am Haus, dazu kommt, die neuesten Exponate in die Datenbank aufzunehmen. Im schlimmsten Fall landet Neues in geringer Aufnahmequlität darin – was das Problem einer zukünftigen Sammlungsbewertung noch verschärft.

Den Rahmen all dieser Überlegungen bilden natürlich die finanziellen Mittel. Nur noch selten lassen sich neue Stellen durchsetzen, die sich ausschließlich der Pflege der Sammlung und ihrer Aufarbeitung widmen. Im Alltag mittlerer und kleiner Häuser werden sie zu Exoten. Man mag das berechtigterweise kritisieren, es liegt aber auch an den Museen diese Seite, ihren Aufwand sowie den Gewinn, der im (digitalen) Zugriff und spannenden Ausstellungen seinen Höhepunkt findet, mehr zu betonen. Immer hängt es natürlich von der spezifischen Situation vor Ort ab, ob so ein Angebot aufgenommen wird. Ein solches darf sich nicht nur an „die Öffentlichkeit“ wenden, sondern sollte auch gegenüber Geldgebern, allen voran kommunalen Trägern, gepflegt werden. Den Normalfall stellt leider immernoch das Museum dar, das negativ und ungewollt in die Schlagzeilen gerät oder nur gelegentlich im Veranstaltungskalender aufleuchtet. Umso schwieriger und gehemmter läuft entsprechend das Nachdenken über Verzicht ab.

4. Die Ziele des Entsammelns

Entsammeln ist „die andere Seite der Medaille“. Obwohl ich an dieser Stelle verschiedene Aspekte nur anreissen konnte, dürfte deutlich geworden sein, dass die Assoziation des Damoklesschwertes, wenn nicht gänzlich falsch so doch zu krass ist. Immer ist die Kartierung des Inneren für ein Museum beschwerlich, meist mindestens eine Angelegenheit von einigen Jahren. Doch lohnt es sich in jedem Fall, werden auf diese Weise doch zahlreiche Potenziale freigesetzt. Von der vielbeschworenen vernetzten Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Häusern über einen klaren, nach außen kommunizierbaren Charakter („Gedächtnis der Stadt“, „Wiege der regionalen Kultur“…), erleichtert ein solcher „Aderlaß“ allen Beteiligten das Nachdenken über Themen, die an den Gegenständen hängen.

Nachtrag: Da ich die Diskussion zur Relevanz von Exponaten in Museen im Allgemeinen sehr interessant finde, werde ich in absehbarer Zukunft einen Beitrag dazu verfassen („Brauchen Museen (noch) Objekte?“)