Wir müssen reden: „Digitale Medien“ in Ausstellungen

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Die digitalen Grenzen

Wie die klassischen Bild-Ton- und Schriftmedien, unterliegen auch die digitalen Medien unterschiedlichen Beschränkungen. Und wie bei diesen lenken die positiven Vermittlungsziele oder zumindest das „dem Digitalen“ unterstellte Potenzial oft vom eigentlich recht eingrenzbaren Einsatzfeld solcher Lösungen ab. Denn sowenig wie gute Texte, eine gelungene Gestaltung oder eine gelungene Lichtinszenierung allein schon eine gute Ausstellungen machen, so wenig vergolden mediale Lösungen mittelmäßige Konzepte. Doch einen Schritt nach dem anderen. Um einen Blick auf die Grenzen und Möglichkeiten digitaler Medien zu werden, macht es Sinn einem groben Projektverlauf zu folgen.
In vielen Fällen, das heißt Ausstellungsprojekten, wird in der Konzeptphase immernoch ein überraschend pragmatischer, wenn nicht gar stiefmütterlicher Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten gepflegt. Das führt dazu, dass oft erst in einem zweiten Schritt überlegt wird, an welcher Stelle sich eine moderne, soll heißen „coole“ Lösung, einplanen lässt. Eine solche Herangehensweise, die oft ganz bewusst bestrebt ist, Momente des Zweifels zugunsten „naheliegender“ Lösungen aufzulösen, verschenkt natürlich oft Potenzial. Das Ergebnis ist die oft selbstverständliche Verstärkung von Schlüsselreizen, die als Hauptgründe für den Besuch des jeweiligen Hauses angesehen werden. Wie selbstverständlich werden die wichtigsten, ältesten, wertvollsten Exponate erneut in den Mittelpunkt gerückt.
Hinzukommt das meist fehlende Know-How aufseiten des Museumspersonals. Es ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, dass der Großteil kultureller Einrichtungen durch die öffentliche Hand getragen wird. Hier prägen alteingesessene Mitarbeiter die „workflows“ und den Alltag. Eher die Ausnahme sind Volontäre und andere Mitarbeiter, die neben ihrer eigentlichen, oft museal-geisteswissenschaftlichen Qualifikation, noch weiteres Wissen und Interesse mitbringen. Dies ist umso tragischer, als dass sich erst allmählich Fortbildungsformate herausbilden, die ebendiese Nische bedienen. Gleichwohl mag es noch einige Jahre dauern, bis klar geworden ist, dass auch (wiss.) Mitarbeiter von Museen ein grundlegendes Verständnis für das Funktionieren von Webseiten, 3-D-Grafik und digitalen Workflows mitbringen. Doch die Spatzen pfeifen es von den Dächern.

Zu den vermeintlichen Hard-Facts bezüglich der Begrenztheit gehören budgetäre Aspekte. Doch obwohl Zahlen Objektivität suggerieren, macht es Sinn der Pauschalisierung entschlossen entgegen zu steuern. Denn anders als noch vor 20 Jahren, wäre es vermessen, in den digitalen Medien weiter nur teure Investitionen mit hohem Risikofaktor und unklaren Erfolgsaussichten zu sehen. Und doch scheint es vor allem deutsche Museen zu den großen Lösungen zu ziehen. Digitale Guides, umfassende Projektionsflächen, die Ausstellung wird mit dem digitalen Stempel bedacht. Es sind meiner Meinung nach umgedreht die kleinen Lösungen, die zum Teil Geldbegrenzungen aushebeln und einen Mehrwert für den Besucher bieten können. Sie halten sich im Hintergrund, sind im Zweifel unsichtbar sind als notwendige oder spielerischer Elemente schon früh (s.o.) im Entwicklungsprozess angedacht und immer weiter angepasst, verworfen und spezifiziert worden. Ein solches Verfahren hat mehrere Vorteile, die vom geringeren (Kapital-)Risiko über einen Abbau eines zu großen Respekts im Angesicht dieser großen Herausforderung bis hin zur Schaffung eines kreativ-spielerischen Klimas zwischen Kollegen und/oder im Zusammenspiel mit oft sehr motivierten Fachleuten (Programmierern/Designern/etc.) reichen. Ich kann Museen nur raten ein kleines Projekt mit digitalem Schwerpunkt anzugehen. Vorzugsweise in einem Zusammenhang, der eine klare Zieldefinition ermöglicht, den Druck für alle Beteiligten jedoch gering hält und versucht den kreativen Prozess bewusst zu gestalten. Nur so bringen alle Beteiligten dem eigenen Haus in Sachen Digitalität das Schwimmen bei.

Ist die Medienstation erst einmal installiert, die Projektion zum Laufen gebracht und die Lichtschranken aktiviert, kann sehr schnell eine weitere Begrenzung zum Tragen kommen. Sie wird im Bereich der IT unter Schlagworten wie „User Experience“ oder auch „Usability“ verhandelt. Hinter diesen steckt der von Benutzern nicht wahrgenommene Aspekt der Interaktion mit einem Medium.  Was nun die verschiedenen Modi der Nutzung einer Begrenzung unterwirft, ist die oft fehlende Sensibilität von Museen für dieses Thema. Dies kann zwar oft, aber eben bei weitem nicht immer, von den Auftragnehmern kompensiert werden, die wissen, wie die Besucher ein Gerät benutzen werden. Fehlt dieses Wissen oder wird ein Aspekt übersehen, kann dies dazu führen, dass das neue Angebot ein Flop wird bzw, dem eigenen Potenzial nicht gerecht wird. Und eines sei angemerkt: damit sind an dieser Stelle nicht nur katastrophale Szenarien gemeint! Es ist leider der Normalfall, dass digitale Lösungen im Museumsalltag nach ihrer Implementierung nur in äußersten Ausnahmefällen erneut in den Blick genommen werden. Auch hier bilden dann interne Organisation und workflow die Limitierung eines sinnvollen langfristigen Umgangs mit solchen Lösungen. Hier wird oft eine nicht mehr tolerierbare Betriebsdimension zum Anlass genommen, die Lösung zu überdenken, was dazu führt, dass diese einen langsamen und oft qualvollen Tod ohne weitere Anpassungen etc. stirbt. Kurz und knapp: Noch immer werden gerade komplexere digitale Lösungen mit großer Scheu und wenig Sachkenntnis angegangen.

Präsentation zum Thema der Zwickauer Ratsherren

Wer überwindet diese Grenzen?

Um den Einsatz von digitalen Medien in Ausstellungsräumen zu verbessern bzw. deren Potenzial auszuschöpfen, kommen die entsprechenden Einrichtungen nicht um ein zähneknirschendes Eingeständnis herum. Sie brauchen Experten. Oder zumindest Mitarbeiter, deren kuratorisches Verständnis nicht vollständig in der Erstellung logischer Grundrissen aufgeht, sondern die eine Vorstellung von der inhaltlichen Dimension der Bildschirme mitbringen. Die Lust darauf haben, ein Projekt nicht trotz, sondern gerade aufgrund der technologischen Novität anzugehen. Und die dabei weder Scheu haben, sich selbst etwas anzueignen, noch im richtigen Moment Experten zu Rate zu ziehen, die das Ganze schließlich technisch umsetzen werden. Wie zahlreiche Museums-Berufe müssen diese wissenschaftlichen Mitarbeiter der Zukunft Experten auf verschiedenen Gebieten sein, um sinnvoll Brücken bauen zu können.

eine Gruppe arbeitet an einem Tisch
Kompetenzmangel kann im Team ausgeglichen werden

Welche Möglichkeiten bieten digitale Medien in einer Ausstellung?

Die größte Stärke liegt in der Dynamik, die sich inhaltlich, aber auch hinsichtlich der Interaktion in einer Ausstellung ergibt. Kontexte und Erzählungen können auf verschiedenen sinnlichen Ebenen vermittelt werden und schaffen so ein interessantes Erlebnis. Gleichwertig daneben steht die Haltung der Besucher, die eben von einem Museum erwarten, dass es interessante Angebote macht. Ganz trocken bieten also digitale Medien die Möglichkeit diesen Willen zur Schau zu stellen. Das tun nicht wenige Museen berechtigterweise auch sehr explizit und verschmelzen das eigene digitale Arbeiten mit dem Kommunizieren darüber. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der nicht nur den Bekanntheitsgrad eines Hauses, sondern auch das Interesse an seiner Arbeit, steigern kann. In dieser digitalen Welt wie auch im eigentlichen Ausstellungsraum gilt es entsprechend Angebote zu machen, die nicht mehr das Ziel vor Augen haben, möglichst Vieles zu vermitteln, sondern in einer Art Matrix interessanter Angebote weiterführende Dynamiken zu schaffen. Im Internet wie auch der Ausstellung sollte dem Besucher vermittelt werden, dass die Wahl des jeweiligen Werkzeugs eine bewusste gewesen ist.
Das erhöht natürlich den Druck sich mit den Konsumgewohnheiten der eigenen Gäste auseinanderzusetzen, um einschätzen zu können wo der Einsatz moderner Technik als Pflicht oder unnötig betrachtet wird und wo er überraschen kann. Gerade in letztgenanntem Aspekt, den ich hier mal als „magisch“ bezeichnen möchte, stecken viele Möglichkeiten. Sensoren machen es möglich, dass sich Exponate oder ganze Ausstellungen im Laufe eines Besuches ändern. Wobei verschiedene Gründe (Datenschutz, Technik) leider noch verhindern, dass im Unklaren bleibt, wie bestimmte Dinge eigentlich funktionieren. Hier wird sich unter Umständen noch eine riesige Welt auftun, die nicht nur Kindern die Verwunderung ins Gesicht schreiben wird. Umgekehrt bieten die neuen Instrumente die Möglichkeit, dass die Besucher noch einfacher und beliebiger als in der Vergangenheit dazu angehalten werden können, die Ausstellung „mitzunehmen“ in Form von Informationen, Bildern oder anderer Verlinkungen. Umgekehrt ist auch das „mitmachen“ deutlich einfacher geworden.

Digitale Medien und die Zukunft der Museen

Die digitalen Medien sind gekommen um zu bleiben. Eine Frage über das „ob“ kann ich es diesbezüglich nicht geben. Die Trends, die aus Alltag und Gesellschaft in die Museen einwirken, müssen bewusst und klar in den Blick genommen werden. Dazu gehört, dass nicht nur „die“ Museen eine Sprache finden müssen, sondern dass jedes einzelne den eigenen Zungenschlag in Sachen digitaler Kommunikation erlernt. Allgemein kann festgehalten werden, dass den „digitalen“ wie auch „undigitalen“ Museen für die kommenden Jahre die Pflicht auferlegt ist, sich Gedanken über den eigenen Umgang mit dem Digitalen zu machen. Denn selbst Häuser, die sich, aus welchen Gründen auch immer, in ihrer Ausstellung nicht der neuen Möglichkeiten bedienen (wollen?), werden in den nächsten Jahren eine weitere Einkreisung erleben. Eine stark digitalisierte Arbeitswelt, der alltägliche Umgang mit Technologien der Ortsunabhängigkeit und die damit noch einmal herausgehobene Bedeutung von Museen als physischen Räumen der Selbstvergewisserung und Nähe, werden ein langfristigen Ausweichen unmöglich machen.