Closer than we think! – Arthur Radebaugh

„Closer than we think!“, eine Bilderreihe, die zwischen 1958 und 1963 von Arthur Radebaugh für die Chicago Tribune produziert wurde, gehört zu den Glanzlichtern der bildhaften Zukunftserwartung. Bis zu 19 Millionen Leser tauchten in den Jahren nach dem Sputnik-Schock (1957) regelmäßig für einen Moment in diese Miniaturversionen der Zukunft ab. Obwohl sie  in der Wahrnehmung und ihrem Umfang hinter seinen kommerziellen Auftragsarbeiten zurücktritt (siehe Beispiele), erzählt sie Einiges über die amerikanische Gesellschaft und die damaligen Hoffnungen auf die Zukunft. Sie versammelte so ziemlich jedes relevante Thema ihrer Zeit und war damit nicht nur ein Mittel der Unterhaltung, sondern illustrierte häufig Inhalte, auf die man auch an anderer Stelle, das heißt anderen Zeitschriften. Von denen die Welt also sprach. Immer häufiger besaßen diese, auch um den Interessen der Leser entgegen zu kommen – scheinbar einen sozialen Fokus.

Und das aus gutem Grund: Computer, Automaten und andere Technologien machten sich auf, tatsächlich den Alltag zu erobern. Und obwohl bei den Bildern jeweils eine Schlüsseltechnologie oder ein bestimmtes Szenario im Mittelpunkt stand, können die in Tradition zu den kleinformatigen Illustrationen der 20 und 30er Jahre (siehe z.b.: „Frankreich im Jahr 2000„) stehenden Bilder als Teil einer neuen Perspektive auf die Zukunft betrachtet werden. Die Zukunft verwandelte sich, vor allem in Reflexion und Reaktion auf die nationalen Ideologien der 30er/40er Jahre, zunehmend in eine der Menschen und verlor ihren fast schon obligatorischen Charakter der technizistischen Phantastik. Hatten Zukunftsvisionen vorher auf die eine oder andere Art und Weise stets nur von größeren Zusammenhängen gesprochen – der Nation, der Technik, der Evolution, der Gesellschaft  – standen nun vordergründig Menschen auf dem Weg zur Arbeit, im familiären Kontext oder in anderen, zunächst unspektakulären, Szenarien im Fokus. Damit blieb Zukunft zwar der tiefgehende Veränderer von Technik und Gesellschaft, es kam jedoch zu einer Verschiebung in Richtung einer vorgestellten individuellen Betroffenheit . Und genau dieser Aspekt macht die hier versammelten Bilder (s.u.) so interessant.

Arther Radebaugh

geb. 1906 – gest. 1974

Illustrator, Industrie-Designer

Die amerikanische Familie - in der Zukunft

der Weltraum - ein wiederkehrendes Thema

Bis in die 30er Jahre beherrschten Autos, Raketen – und ab und an Roboter – die Bilder der Zukunft. Im Verlauf der 50er Jahre trat allmählich der Mensch in verschiedenen Rollen, als Nutzer, Betroffener und gelegentlich Erfinder, hinzu. Radebaugh bediente mit seiner Art der Illustration die ersten beiden Aspekte auf sehr ausgewogene Weise. Stumm blieb bei ihm jedoch das individuelle Genie, das dem Publikum in den Jahrzehnten zuvor in der pragmatisch-unternehmerischen Variante als Thomas Edison und später als phantastischer Horizonterweiterer in der Gestalt Jules Vernes immer wieder begegnet war. Vielmehr, so der Subtext, würde es die Gesellschaft als Verbund von Individuen sein, die die entsprechende Entwicklung hervorbringen und durchleben würde. Den Erfinder und Geist hinter den Szenarien sehen wir als Betrachter nicht – ein subtiler Verweis darauf, dass die Grundlagenarbeit offensichtlich in den Augen Radebaughs nicht mehr nötig war. Vielmehr, so lässt sich schließen, würde die Zukunft das Projekt der Ingenieure und Technologen sein. Der Umsetzenden also. Den Betrachtern musste allein schon die Vielfalt der Szenarien, die kaum einen Lebensbereich ausließ, bereits eine gewisse Evidenz gebieten. Sie schien darauf verweisen, dass sich keine einzelnen Aspekte, sondern vielmehr das große Ganze verändern würde.

What a great time to be alive!

Amerika!

Den Bildern lagen zahlreiche Annahmen zugrunde. Unausgesprochen galt natürlich, dass sich die Darstellungen auf die amerikanische Gesellschaft bezogen und in den meisten Fällen eine Mittelstandsidylle bürgerlichen Aufstiegs und Erfolgs, gefüllt mit Ehepaaren und wohl gekleideten Kindern, zeigten. Gleichwohl waren die Darstellungen frei von expliziten (politischen) Stellungsnahmen. Kein nationales Pathos, keine Flaggen im Wind. Und wie viele Visionen bzw. Gesellschaften zeigte sich auch diese zwar in ihrer technischen, jedoch nicht ihrer sozialen Dimension verändert. Mochten sich Landwirtschaft, Industrie und andere Wirtschaftsbereiche automatisieren und sich so Geschwindigkeit, Komplexität und Dimension von Arbeit und Alltag erweitern, im Mittelpunkt stand weiter der Mensch. Und dieser hatte in den meisten Fällen weiter die Hand am sprichwörtlichen Hebel und übernahm zunehmend Aufgaben der Überwachung und Steuerung, wurde zum genießenden Bediener. Ein Motiv, das sich seit den ersten Zukunftsvisionen um 1900 nicht mehr verloren hat – und auch in modernen Variationen weiter oft das Ziel technologischer Wunschvorstellungen zu sein scheint. Fortschritt, so die Grundannahme, würde mit einer Vereinfachung der und Befreiung von Arbeit einhergehen.

Selbstverständlich fehlten entsprechend Verweise auf die eventuellen Folgen (Arbeitslosigkeit…) und auch negativ betroffene Personen sucht man vergebens. Vielmehr wurden Szenarien wie Krankheit oder Katastrophen im Zusammenhang mit ihrer konkreten Bewältigung gezeigt. Eine Darstellungsweise, die Illustratoren zum Teil bis in die späten 60er Jahre beibehielten.

Fazit

Die Zukunft, so zeigen die Bilder von Radebaugh, besaß in den Vorstellungen um 1960 das Potenzial, ausgehend von verschiedenen technologischen Entwicklungen, jede Nische des Alltags zu verändern. Mochten die Leser auch nicht jeden Entwurf als tatsächliche Ankündigung verstehen, die große Zahl von Entwürfen strahlte durch ihren Verweis auf das fantastische Potenzial vieler Technologien eine Aura der gesellschaftlichen Veränderung aus. So stellte jedes Bild eine Einladung dar, die Zukunft mental bereits in der Gegenwart beginnen zu lassen und damit nicht nur bereit, sondern vor allem optimistisch zu sein.

Die Bilder befinden sich zum Teil in den Beständen der Chicago Tribune, die jedoch keine Rechte an den ihnen hält. Dies und die Tatsache, dass Verwandte nicht bekannt sind, werden wohl dafür sorgen, dass sie auch in Zukunft nicht in einer umfassenden Publikation zusammengeführt werden.