„Deutsche Mythen seit 1945“ im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig

Die Sonderausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig mit dem etwas lauen Titel „Deutsche Mythen seit 1945“  gehört im Jahr 2016 zum Programm der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“. Wie es eingangs heißt, soll sie solche als „Erzählungen über die gemeinsame Vergangenheit von Nationen“ verstehen. Im Speziellen die deutschen Mythen in  Ost und West seit 1945 sollen betrachtet werden.

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Mythen-Eingang
Eingangssituation - Mythen im Spotlight

Sebastian Wehrstesdt

Wer nach dem schicken ersten Raum mit dem  Namen „Mythos im Spotlight“ erwartet, mit einer Definition versorgt zu werden, geht leider fehl. Lediglich der Umstand, dass entsprechende Selbstbilder in den ersten Jahren vor allem Abgrenzungsversuche vom Identitäts-Supergau des Nationalsozialismus gewesen seien und fast immer positive Verkürzungen eines eigentlich vielschichtigen (historischen) Aspekts darstellen, wird erwähnt. Das ist so richtig wie basal. Und kommt leider vollständig ohne eine Aussage zum Verhältnis klassischer und moderner Erzählungen aus. Denn auch wenn der Titel es schienbar klar auf den Punkt bringt – irgendwie scheinen mir die Nibelungen oder gar das griechische Altertum nur knapp außerhalb meines Blickfelds zu liegen. Mythen, so will ich vermuten, sind diffus, nebelig und mit Bedeutungen aufgeladen, die dem Besucher nicht bekannt sind – meist gar nicht bekannt sein müssen, um eine magische Wirkung zu entfalten. Mythen sind mehr als (unbewusste) Zwecklügen. Doch dazu später mehr.

„Wahrnehmung und Gedächtnis“

Im zweite Raum wird gewissermassen konzeptionell eingeführt. Eine Medienstation und zwei nette Spielereien verweisen auf den basalen Fakt der Identitätsbildung auf Basis von (gemeinsamen) Erinnerungen. Viele Sonderausstellungen versuchen der Herausforderung jenseits des Kernthemas einen wichtigen Zugang offen zu legen, mit derartigen Expositionen. Hier fällt sie recht mager aus. Zwar ist  konzeptionell nichts auszusetzen – dem Besucher wird aber in hohem Maße die Verantwortung zugeschoben, diese kleinen Anregungen im Hinterkopf zu behalten, wenn er weiter durch die Ausstellung geht. Das ist hoch gepokert und leider eine Unterschätzung des Stellenwerts den sprachliche Bilder, Visionen und eben auch Mythen in der gesellschaftlichen Diskussion entfalten können. Hier muss leider der Verweis auf diese Funktion im Allgemeinen reichen.

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Gedächtnis und Wahrnehmung- wichtige Aspekte der Identitätsbildung qua Erzählung

Sebastian Wehrstedt

Das Wunder von Bern – mehr als ein  Fussballspiel?

Mit dem ersten Mythos wird deutlich, auf welche konkrete Art das Thema behandelt werden soll. Nüchtern, mit gleichmäßiger Ausleuchtung und ohne Spannungsbogen.  Zwar klingt der berühmt gewordene Ausruf „Rahn schießt…!“, durch Bewegungsauslösung bedingt, wiederholt durch die Luft. Davon abgesehen wird aber schnell klar, dass jenes frühe identitätsstiftende Fussball-Spiel des Jahres 1954 schlicht in Form einer (historischen) Schaufenster-Auslage präsentiert wird. „Das Wunder von Bern – das Musical“ findet sich hier ebenso wie das durchaus interessante, aber recht kleine „Silberne Lorbeerblatt“, das Theodor Heuss dem Kapitän Fritz Walter für die Leistung der Mannschaft übergibt – die höchste Auszeichnung für Sportler.

Sebastian Wehrstedt
Vitrinen-Präsentation zum 'Wunder von Bern'

Der weitere Verlauf

Es macht wenig Sinn erschöpfend jedes Thema dazustellen, daher sei hier kurz ein Abriss eingefügt. Positiv anzumerken ist. dass die Erzählungen der ehemaligen DDR in einer solchen Ausstellungen sehr organisch mit denen der BRD nebeneinander gestellt werden können. So zum Beispiel die Idee der DDR als „Arbeiter- und Bauernstaat“. Hinter der Fassade des Palastes der Republik und einem Auszug der Rede Erich Honeckers zum 40jährigen Bestehen, finden sich Versatzstücke der staatlich gestrickten Erzählungen von sowjetischer (Waffen-)Bruderschaft, des sozialen Ausgleichs und der Versuche eine positive, soll heißen sozialistische, Zukunft in den Köpfen entstehen zu lassen. Die Selbstwahrnehmung als „Hort des Friedens“ sowie die Agenda des Antifaschismus werden zum Schluss noch einmal als eigenständige Themen aufgenommen. Auch auf das Ende der Republik wird verwiesen. Der Mythos ist als Mythos entlarvt.

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Das Ende der DDR - pointiert dargestellt

Sebastian Wehrstedt

Das letzte Drittel der Ausstellung präsentiert einen interessanten und etwas unerwarteten Ausklang. Scheinbar ohne Berührungsängste finden sich hier Themen wie die Charta der Menschenrechte, das Thema des „Friedensgaranten Bundeswehr“, die „Siegreiche Fussballnation“ sowie „Wir sind Papst!“ und „Du bist Deutschland“. Jedes für sich wäre ein interessantes Thema und kann hier nicht umfassend erläutert werden. So werden sie zu Beispielen, zeigen und illustrieren etwas, das von vielen Besuchern mit gutem Recht als zu Erklärendes gesetzt ist. Es wird nicht der Frage nachgegangen, was denn ein Mythos nach 1945 sein könnte, was ihn ausmacht und von früheren unterscheidet – ja, ob es sie überhaupt noch geben kann. Vieles wird schlicht voraussgesetzt. Mythen gibt es – und entsprechend viele Beispiele… 

Das wird auch deutlich durch eine sehr präsente Einfügung zum Freiheits- und Einheitsdenkmal. Hier haben die Besucher die Gelegenheit aus 3 Entwürfen ihren Liebling zu wählen und zu schauen wo sie mit ihrer Meinung stehen. Kaum erschließt sich der Sinn dieses Unterfangens. Welches Ziel wurde hiermit verfolgt? Abgesehen von einer erwartbaren Normalverteilung bei der Abstimmung, liegt die Frage auf der Hand ob man hier tatsächlich aufgerufen ist an einem neuen Mythos zu feilen. Dabei lässt sich nicht abschätzen in welchem Verhältnis dieser dann zu den vergangen stünde. Es fühlt sich schlicht nach Mogelpackung an…

Was bleibt von den Mythen?

Leider nicht viel. Denn irgendwie fehlt nichts, gleichzeitig wird jedoch durch den Gestus mit dem hier präsentiert wird, in der Konsequenz kein Mehrwert geschaffen. Ich will  versuchen ein paar Annahmen der Ausstellung  offen zu legen:

Ja, auch in der Moderne bestehen Mythen weiter. Was das heisst, bleibt leider offen. Hat der Begriff selbst heute noch Relevanz? Wie wird er heute benutzt? Ist es sinnvoll nicht auf das Potential des Geheimnisses anzuspielen, das die meisten Mythen umgibt? Die Ausstellung stellt Mythen leider als Unentschiedenheit von Unwissenheit der Vergangenheit und späterer Entdeckung dar. Ob ein Blick der ganz bewusst und offen nur die heutige Bewertung  als Maßstab anlegt, sinnvoll ist,  kann bezweifelt werden. Gerade die Übergänge wären hochinteressant. Wann hörte man auf „Wir sind Papst!“ zu sagen? Was ist heute damit gemeint, wenn dieser „Mythos“ zitiert wird?

Nein, sie lassen sich nicht klar definieren bzw. es scheint nicht nötig zu sein, dies zu tun. Wie angedeutet, findet sich keine Auseinandersetzung mit dem Begriff. Eine Betrachtung von verschiedenen Perspektiven bleibt aus. Es soll illustriert werden, nicht offen zur Diskussion gestellt.

Vielleicht lässt sich die Konstruktion neuer Mythen in gesellschaftlicher Diskussion aktiv gestalten. Gerade der Schluss der Ausstellung versucht hier ein wenig zu versöhnen. Das funktioniert jedoch nicht. Unklar bleibt etwa ob „Je suis Charlie“ wirklich als Mythos bezeichnet werden kann. Kontext sucht man vergebens,

Highlight der Ausstellung: Ein Zitat von Michael Stürmer zum Thema Fussball. Warum man seine Bezugnahme auf eine Rede des deutschen Kaisers, die dieser als Forderung nach Solidarität in Zeiten des Kriegs 1916, ausgewählt hat, bleibt ein Rätsel.

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Sebastian Wehrstedt


Fazit

Ich kann mich eigentlich nur Sabine und Lilia aus dem Gästebuch anschließen:

„Sehr interessant! Jedoch kann noch mehr auf den Aspekt „Mythos“ eingegangen werden!“

 Viel zu sehr kommt die Ausstellung als Faktensammlung daher. Sie bietet zahlreiche Beispiele zum Begriff – ohne darüber hinauszuweisen.